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Teufelsanbeter? Schon das „T-Wort“ ist tabu

HAMELN. Aus der Not heraus sind die Jesiden beziehungsweise Eziden, wie sich die Anhänger der kurdischen Religionsgemeinschaft selbst vorzugsweise nennen, lange Zeit kaum öffentlich in Erscheinung getreten. Zu lange wurden sie verfolgt. Diskriminierung und Unterdrückung in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran trieben viele Eziden ins Exil, vor allem in den 80er Jahren auch nach Deutschland.

veröffentlicht am 22.02.2012 um 10:14 Uhr
aktualisiert am 13.03.2019 um 12:24 Uhr

Philipp Killmann

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In Hameln machten sie bislang meist unfreiwillig Schlagzeilen: 1994, als ein zum Islam konvertierter Deutscher im Rahmen eines Glaubensstreits den Hamelner Eziden Guthan Aldemir erschlug. Und im September 2011, als die Frage, ob auch Eziden am von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen organisierten „Friedensfest der Religionen“ teilnehmen könnten, eine kontroverse Debatte über angebliche „Teufelsanbeterei“ auslöste. Letztere rüttelte die Eziden, die an der Debatte nicht beteiligt waren, da sie in Hameln bisher nicht organisiert sind, auf. Jetzt versammelten sich knapp 30 Eziden in den Räumen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, um über die Gründung eines Vereins zu beraten.

„Im Landkreis Hameln-Pyrmont leben etwa 120 ezidische Familien, aber kaum einer kennt diese Religionsgruppe, und sie hat bisher niemanden, der für sie spricht“, erklärt Scheich – so der Titel von Angehörigen der Priesterkaste innerhalb des ezidischen Kastensystems – Emin Kaska in einer Pressemitteilung. „Die öffentlichen Diskussionen über die Eziden zeigen, dass Vorurteile gegenüber den Eziden aus dem Orient auch in den Landkreis gezogen sind.“ Vorurteile, Diskriminierungen und Massaker hätten dazu geführt, dass ein großer Teil der Eziden heute nicht mehr in seiner Heimat lebe. „Aber in der hiesigen freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ist es nicht nötig, vor Diskriminierung zu fliehen. Hier können sich die Eziden aufklärend gegen Vorurteile stellen..“ Darum nun die Vereinsgründung.

Der Verein soll zudem Wissen über das Jesidentum beziehungsweise Ezidentum vermitteln und ein Ort sein, an dem die Eziden ihre Religion praktizieren können. „Mithilfe des Vereins können dann auch Beerdigungen, Beschneidungen, Festtage, eben Dinge, wie sie in anderen Gemeinden auch anfallen, organisiert werden“, sagt Turan Ördek, der in Hameln als Anwalt arbeitet. Sein Bruder Newaf Miro, der Autor zahlreicher in Kurmandschi – eine der drei kurdischen Sprachen – verfasster Bücher über die Eziden ist und in Hameln ein Restaurant betreibt, sagt: „Aufgrund unserer Verfolgungsgeschichte haben wir lange Zeit nach dem Prinzip gelebt: Umso weniger wir auffallen, desto besser. Aber wir müssen uns auch nach außen präsentieren, um Vorurteile aus der Welt zu schaffen.“ Vorurteile, denen zufolge die Eziden etwa „Teufelsanbeter“ seien, wie sie in der Vorbereitung des „Friedensfestes der Religionen“ zur Sprache kamen, aber wie sie auch schon Abenteuerautor Karl May in seinen Büchern kolportiert hat. „Solche Vorwürfe wollen wir uns nicht länger gefallen lassen. Wir wollen solche Vorurteile auflösen“, sagt Ördek. Laut Miro ist der Vorwurf der Teufelsanbeterei allein deshalb entstanden, um die Eziden als „böse“ darzustellen und damit eine Rechtfertigung zu haben, sie zu vernichten. Dabei sei „Teufel“ unter Eziden ein Schimpfwort, ja, sogar ein Tabuwort, weshalb sie selbst auch nur vom „T-Wort“ sprechen.

„Außerdem hat der Verein eine soziale Funktion“, sagt Serhat Kaska, Emin Kaskas Sohn. Eine soziale Funktion, die nicht zuletzt dann zum Tragen kommen müsse, wenn ein Sohn oder eine Tochter, entgegen der traditionellen Vorstellung der Eziden mit einem Nicht-Eziden zusammenleben möchte. Gerade vor dem Hintergrund der von ihren Geschwistern ermordeten 18-jährige Ezidin aus Detmold, die mit einem Deutschen zusammenleben wollte, oder der im Dezember von ihrem Vater getöteten 13-jährigen Ezidin aus Nienburg, die ein selbstbestimmtes Leben wählte (wir berichteten), wollen die Hamelner Eziden mit einem Verein auch eine Anlaufstelle für Eziden bieten, deren Kinder von der Tradition abweichen. „Damit eine vernünftige Lösung gefunden werden kann“, sagt Serhat Kaska zur Begründung. Zwar konvertiert ein Ezide mit der Heirat eines Nicht-Eziden aus seinem Glauben heraus, aber Verbannung oder sogar Mord dürften nicht die Konsequenz daraus sein. Mord sei mit dem ezidischen Glauben nicht vereinbar und vor allem auf krude Ehrvorstellungen zurückzuführen, versichert Ördek.

Die Teilhabe an der hiesigen Gesellschaft sei den Hamelner Eziden ein „weiteres besonderes Anliegen“, auch um ihre Integration zu fördern, heißt es in dem Pressetext von Emin Kaska weiter. Darüber hinaus seien die Eziden durchaus auch am „interreligiösen Dialog“ interessiert, erklärt Miro.

Da die Resonanz an diesem ersten öffentlichen Treffen der Eziden jedoch hinter den Erwartungen von Emin Kaska zurückblieb, wurde beschlossen, zunächst eine Kommission von sieben Leuten zu bilden, die die ezidischen Haushalte aufsuchen sollen, um über die geplante Vereinsgründung zu informieren.

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