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Rap-Gruppe schockt mit drastischen Texten – und landet in den Charts

Ruffiction – woher kommt diese Wut?

HAMELN. Die Rap-Gruppe Ruffiction landete mit ihrem Album „Ausnahmezustand“ vor knapp zwei Wochen auf Platz 3 der deutschen Charts. Ruffiction – das leitet sich ab von rough fiction (engl.: harte Fiktion). Und die äußert sich in den umstrittenen Texten der drei Rapper. Einer von ihnen ist Crystal F alias Hauke Schmidt. Er ist der Kopf der Gruppe. Zu Ostern war er in Hameln zu Besuch.

veröffentlicht am 03.04.2018 um 17:26 Uhr
aktualisiert am 07.03.2019 um 15:15 Uhr

Ruffiction sind Crack Claus (v. li.), Arbok 48 und Crystal F. Foto: Bastian Harting/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Ostermontag, nachmittags in einem Einfamilienhaus in der Nordstadt: Familientreffen von Hauke Schmidt. Bis auf die Großmutter sind alle Frauen sowie die Kinder gerade spazieren, die Männer sitzen mit der Oma im Esszimmer mit Panoramablick über die Stadt bei Kaffee und Kuchen am Tisch. Aber so idyllisch wie an diesem Feiertag sah es nicht immer aus im Leben von Hauke Schmidt, wie seine drastischen Texte vermuten lassen. Für das Gespräch mit der Dewezet zieht sich der Wahl-Berliner mit dem Reporter in ein anderes Zimmer zurück. Er schenkt Kaffee ein.

Hauke Schmidt, 29, blasser Teint, strahlend blaue Augen, durchtrainierte Statur, trägt ein löchriges weißes T-Shirt, dunkelblaue Jeans. Er spricht mit ruhiger, fast sanfter Stimme, hört selbst aufmerksam zu. Er ist in Hameln geboren, in Nienburg aufgewachsen. In seiner Jugend wohnte er für ein Jahr bei Onkel und Tante in Hameln, versuchte sich in einer IT-Ausbildung. Erst, als er schon wieder in Nienburg wohnte, lernte er den Hamelner Rapper Crack Claus kennen. Mit ihm und Arbok 48 aus Osnabrück bildet er Ruffiction.

Arbok ist an diesem Ostermontag nicht anwesend. Und Crack Claus gewissermaßen sowieso nicht. Die schwierige Erreichbarkeit des 31-Jährigen Hamelners ist in der Crew und ihrer Fan-Base längst zum Running Gag geworden. „Vor zwei Wochen habe ich das letzte Mal mit ihm telefoniert“, erzählt Schmidt. „Da sagte er mir, dass er sich gerade beim Fahrradfahren eine Rippe gebrochen hat.“ Seitdem habe er ihn nicht mehr erreichen können.

Crack Claus ist hauptberuflich Arzt. Sagt er in Interviews. Chirurg. Was sonst? Passt jedenfalls zu den vor Blut triefenden Texten von Ruffiction. Die Verse strotzen so sehr vor brutalen Gewaltfantasien und exzessivem Drogenkonsum, dass sich der unbedarfte Hörer fragt, ob das noch Kunst ist oder nicht doch besser wegkann. So abstoßend ist das Gros ihrer Rap-Texte, das weiß und sagt Hauke Schmidt selbst. Von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien wurden Ruffiction-Alben bereits indiziert. Also Müll? Kann weg? So einfach ist es nicht.

„Wir sind mit Eminem und South Park aufgewachsen“, erklärt Schmidt. „Deshalb ist dieser ganze abgefahrene Kram für unsere Generation etwas normaler.“ Eminem ist ein – längst auch vom Feuilleton gefeierter – Weltstar. Kein Hahn kräht (mehr) danach, dass der Rapper aus Detroit in seinen Texten schildert, wie er seine Mutter tötet. Und South Park, die bitterbös-satirische Zeichentrickserie, läuft im Abendprogramm des deutschen Fernsehens. So what?

Ruffiction und andere Gruppen, wie etwa Trailerpark, machten nichts anderes als Eminem, nur auf Deutsch, sagt Schmidt. Klar gehe es dabei auch ums Schocken um des Schockens willen. Aber er habe sich auch schon gefragt, weshalb er über kaum etwas anderes rappt als Mord und Totschlag. „Aber wenn der Beat angeht, ist das das Erste, was mir einfällt“, sagt er. Danach fühle er sich freier, wie beim Sport im Fitnessstudio lasse er auf diese Weise Probleme, die ihn beschäftigen, raus. Aber das machen andere Rapper auch – mit weniger drastischen Texten. Woher kommt also diese Wut?

„In der Grundschule bin ich viel gemobbt worden“, erzählt Schmidt. Das verarbeite er in seinen Texten immer wieder. In dem Song „Schwarzer Block“ rappt er: „Das ist (…) für die zur Schule gehen Kampf ist.“ Schmidt habe sich damals zwar hilflos gefühlt. Aber gekämpft. Mit brutaler Gewalt. Habe seine Peiniger teils schwer verletzt. Anders habe er sich als Kind nicht zu helfen gewusst. Daher spiele auch Rache in seinen Songs eine große Rolle. In ihnen wechselt er gewissermaßen die Rolle, wird selbst zum Peiniger. Aber in Kunstform. Als Crystal F. Dabei bleibt es. Bei Worten.

„Alle haben irgendwie Kratzer oder Narben“, sagt Schmidt über seine Crew, aber auch über ihre Fans. Was bei ihm das Mobbing war, sei bei anderen Missbrauch, Krankheit, Suizidalität, Drogensucht. „Kaputt erkennt kaputt“, rappt er in „Loslassen“. Er weiß das von seinen Fans, mit denen er sich austauscht, und verarbeitet es in den Songs. „Unter dem Deckmantel der Musik finden sie wieder ein bisschen Kraft“, sagt Schmidt.

Gewalt und harte Drogen lehne er zwar ab. Doch manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität: Wenn Fans sie auf einem Konzert zu harten Drogen einladen oder wenn das Publikum zu pogen beginnt und dabei Verletzungen in Kauf nimmt. Außerdem sei er sich bewusst, dass der brachiale Sound von Ruffiction auch von rechtsradikalen Kreisen gemocht werden könnte. Deshalb sowie in Anbetracht von Pegida und der AfD sei es der Gruppe wichtig gewesen, sich auf dem neuen Album deutlich gegen Rechtsextremismus zu positionieren. „Weil wir gegen euch sind, würd‘ ich gern jüdisch, schwul und schwarz sein, um auch die letzten zu verscheuchen“, rappt Crystal F in „Haltung“. Witze auf Kosten Schwuler, wie es sie auch in den Texten von Ruffiction häufig gab, habe er sich abgewöhnt. „Ich will nicht, dass mich jemand benutzt, um andere zu verletzen“, sagt er.

Am späten Nachmittag löst sich das Familientreffen auf. Crack Claus geht immer noch nicht ans Telefon. Gemeinsam mit der Dewezet macht sich Schmidt auf die Suche. Doch weder bei seiner Wohnung noch bei Freunden oder Familie ist er anzutreffen.

Schmidt teilt die erfolglose Suche nach seinem Partner noch in seiner Instagram-Story. „Schade, wirklich schade“, schreibt er. Dann macht er sich auf den Rückweg nach Berlin.



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