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Hamelner legt beachtliches Debütalbum vor

Rapper Elluess dreht sich im „Kreis“

HAMELN. Paul Michalik ist ein Suchender. Hin- und hergerissen zwischen den unterschiedlichen Welten, in denen er sich bewegt, ohne sich für eine entscheiden zu können. Er dreht sich im Kreis, wie er selber sagt. Ein Dilemma, das der 26-Jährige jetzt künstlerisch verarbeitet hat. Vielleicht auch mehr als nur künstlerisch. Denn mit seinem beachtlichen Debüt, dem Mini-Album „Kreis“, hat der Rap-Musiker seiner Suche womöglich eine entscheidende Wendung gegeben.

veröffentlicht am 31.10.2018 um 12:30 Uhr
aktualisiert am 07.03.2019 um 15:11 Uhr

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Paul Michalik sitzt an der Fensterfassade im Raucherbereich der Melounge. Auf dem Tisch vor ihm stehen ein Teller mit Essensresten und ein großes Glas Bier. Neben ihm sitzt Daniel, einer seiner besten Freunde, wie er sagt. Die Melounge hat er sich für das Gespräch mit der Dewezet ausgesucht, weil die Sumpfblume nebenan um diese Tageszeit noch nicht geöffnet habe. In der Melounge sei er eigentlich nur selten. Dafür kennt er hier aber ganz schön viele Leute – oder sie ihn. „Hi Paul!“, „Hey Paul!“, „Tschüss Paul!“, heißt es immer mal wieder, auch vonseiten einer jungen Frau. Die er allerdings gar nicht kenne, wie er hinterher erstaunt anmerkt. Doch seit Freitag ist sein Bekanntheitsgrad in Hameln offenbar angestiegen. An dem Tag erschien sein Minialbum.

Als Rapper nennt sich Paul Michalik Elluess, gesprochen: L - U - S, abgeleitet von den letzten drei Buchstaben seines Spitznamens Paulus. Elluess gehört einer Generation von Rappern an, die mit deutschsprachigem Rap großgeworden ist. Schon in der Grundschule habe er die Hamburger Riege rund um Samy Deluxe gehört und „spaßeshalber auch schon selbst gerappt“, erzählt er, zu Beginn des Gesprächs noch etwas einsilbig.

Ohnehin wirkt Elluess, blasser Teint, auf den ersten Blick eher unscheinbar. Das ändert sich, sobald er ein gleichermaßen einnehmendes wie verschmitztes Lächeln auflegt oder sein Kumpel Daniel ihn, etwa in Erinnerung an die Videodrehs, zum Lachen bringt.

Den Auftakt für das Minialbum habe vor anderthalb Jahren der Song „Trip“ gebildet. Das Lied gibt Einblick in eine jener Welten, in denen sich Elluess neben seinem Sozialarbeitstudium in Hildesheim bewegt. Es ist ein Paralleluniversum, in dem die Musik stattfindet – aber auch ausschweifende Feierei. Mit all ihren Schattenseiten. Denn der nächste „große Kater“, wie es in „Zehn“ heißt, kommt bestimmt. „Das Leben zwischen zwei Extremen ist so anstrengend“, rappt der Weltenbummler da. Ein weiteres Paralleluniversum tut sich in „Gut“ auf – und besteht aus seiner Freundin.

Texte geschrieben habe er schon immer, ob mit oder ohne Beat. „Das ist für mich wie für andere Tagebuchschreiben“, sagt er, was vielleicht die ausgesprochen persönliche Note seines Debüts erklärt. Die Idee für eine Veröffentlichung sei aber erst mit „Trip“ gereift. Dabei habe seine Mutter ihn bereits auf der Bühne gesehen, da war er noch ein Kind, wie er in „Ruine“ rappt. Aber dann, erzählt er, habe sich in seinem Leben etwas verändert – und er nicht mehr so im Mittelpunkt stehen wollen. „Vielleicht ändert sich das gerade wieder“, sagt er.

Und vielleicht muss er sich auch gar nicht für nur eine Welt entscheiden. Vielleicht reicht es, Schwerpunkte zu setzen. Und das macht er ja schon. Sonst wäre sein Minialbum wohl kaum zustande gekommen. Und da heißt es: „Mein Kopf hat noch immer kein‘ Platz in der Welt, doch ich treib‘, bis ich ein‘ für ihn finde.“

Information

Eine runde Sache

"Kreis“ ist ein in jeder Hinsicht kurzweiliges Hörvergnügen. Das aus sieben Songs bestehende Minialbum ist nicht nur gerade mal 21 Minuten lang. Es ist auch inhaltlich wie musikalisch abwechslungsreich. Der Umstand, dass Elluess’ Songs größtenteils um ein Thema kreisen – die Suche nach sich selbst –, ändert daran nichts. Nicht zu kurz kommen dabei zudem die Menschen, die ihm lieb sind: seine Eltern, seine zwei Brüder (denen er nicht nur ein Lied gewidmet hat – seinem kleinen Bruder, Tibe, hat er sogar eine eigene Strophe überlassen), seine Freunde und seine Freundin. Sie alle tauchen in teils sehr lyrischen Bildern auf, die Elluess auf „Kreis“ malt. „Die Sonne knallt, es bleibt keine Zeit, denn ich fliege / Sie steht da, steht für Harmonie und Liebe / und ich nehm das Bild, das ich noch hab, in die Vitrine / Die Kinder dieser Siedlung spiel’n in der Ruine“, heißt es in „Ruine“. Mit dem sanften „Gut“ findet die EP ihr versöhnliches Ende. Produziert wurde das Gros der EP von Ikarus aus Hannover, der für Elluess einen stimmungsvollen, von Song zu Song variierenden Klangteppich ausgebreitet hat, auf dem sich der Hamelner hörbar wohlfühlt. Der brachiale Party-Song „Trip“ ist ein reines Hamelner Ding: gerappt von Elluess, produziert von Eugen „KVSV“ Langemann und das Video geht auf Steve Bielke. Ein weiterer Hamelner findet sich mit Deen Wood auf „Treiben“, der mit einer auch textlich starken Strophe überzeugt. Herangehensweise, Machart und Inhalte könnten zwar nicht unterschiedlicher sein: Aber „Kreis“ ist die beste Hamelner Rap-Veröffentlichung seit dem 707-Tape „Rhymes, Beatz & Bullshit“ aus dem Jahre 1998. pk



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