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Die „verlorenen Kinder“ des Breakdance

Breakdance ist eine Tanzkunst, die in den 70er Jahren in den Gettos von New York als Teil der Hip-Hop-Kultur entstand und einige Jahre später auch nach Deutschland überschwappte. Die „Lost Kidz“, eine multinationale Gruppe, setzen diese Tradition in Hameln fort und tanzen auf Bundesebene ganz oben mit.

veröffentlicht am 19.04.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.03.2019 um 12:14 Uhr

Philipp Killmann

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Reporter zur Autorenseite

Die Musik, die aus dem Gettoblaster im Keller des Regenbogens dröhnt, ist laut, die Luft stickig. Und eigentlich hat Said Gamal Mohamed alias Sasow auch gar keine Zeit, um sich mit der Zeitung zu unterhalten. „Ich wärme mich gerade auf!“, entschuldigt sich der 26-jährige Ägypter, der erst seit 2010 in Hameln lebt, auf Englisch und zeigt schmunzelnd auf Erkan Bahadir (28) alias Aggro Boy. „Sprich mit ihm! In Hameln ist er der Boss.“ Und schon ist er wieder auf den auf dem Boden ausgebreiteten Schaumstoffmatten und tanzt weiter. Zu sprechen ist in der Folge immer nur eines der fünf Hamelner Lost Kidz, eine städteübergeifende Tanzgruppe. Mohamed, Bahadir, Thanh Tuan Ngo alias Kenji (20), Max Sudakow alias Maksym (20) und Maiko Magdy (28) gleichzeitig an den Tisch zu bekommen, das ist einfach nicht drin.

Verständlich. Nicht nur, dass sich die Gruppe aus zehn Tänzern aus vier verschiedenen Städten zusammensetzt. Den Lost Kidz geht es offensichtlich einzig und allein um die Sache, um ihre Sache: Breakdance, die Tanzkunst, die in den 70er Jahren in den Gettos von New York als Teil der Hip-Hop-Kultur entstand, einige Jahre später auch in Deutschland eine erste große Welle der Begeisterung auslöste und schließlich auch Hameln erreichte. Im damaligen Kaufhaus Hertie (heute Stadtgalerie) wurde im Mai 1984 ein großer Breakdance-Wettbewerb veranstaltet. Und auch in der Bäcker- und Osterstraße sah man damals vor allem junge türkische, arabische, jugoslawische, spanische, aber auch deutsche Hamelner auf auseinandergefalteten Pappkartons halsbrecherisch anmutende Tänze aufführen.

Knapp 30 Jahre später sind es die Lost Kidz, die die Breakdance-Tradition in Hameln fortsetzen. Sie tanzen zu Funk, Breakbeats, amerikanischen Old-School-Rap und Alternative Rock. „Mit deutschem Rap können wir wenig anfangen“, sagt Bahadir. „Und mit Gangsta-Rap erst recht nichts.“ Auch die neue Generation von B-Boys, wie die Breaker beziehungsweise Breakdancer in der Hip-Hop-Kultur genannt werden, ist multinational: Die Lost Kidz sind Ägypter, Vietnamesen, Türken, Russen, Pakistani, Engländer und Deutsche.

Am 26. Mai 1984 berichtete die Dewezet über einen Breakdance-Wettbewerb im damaligen Kaufhaus Hertie, bei dem die Hamelner Stefan Poblador Barkow (v.l.), Aydin Malak, Daniel Poblador Barkow und Oliver Schulze den zweiten Platz belegten.

2005 wurde die Lost-Kidz-Crew von dem in Bochum lebenden Mindener Silvester „Rambo“ Kiunka (26) gegründet. Im Laufe der Zeit wurde die Gruppe um zwei Paderborner, zwei Göttinger und die fünf Hamelner erweitert. Man kannte sich bereits von bundesweit stattfindenden Turnieren. „Es gibt kaum Tänzer, die ich nicht kenne, da die Szene nicht groß ist“, sagt Bahadir. Die B-Boys seien eine Randgruppe von etwa 500 aktiven Tänzern, es gebe nur eine Handvoll nennenswerter Crews in Deutschland. Eine von ihnen sind die Lost Kidz.

2009 belegten sie beim landesweit größten Wettbewerb, dem Battle of the Year, den dritten Platz, 2011 den zweiten Platz beim UK-B-Boy-Championship. „Wir sind die ewigen Zweiten“, meint Bahadir verschmitzt. „Aber einige von uns tanzen auf höchstem Niveau. Kid James aus Göttingen wird europaweit gebucht und repräsentiert in sogenannten Dream Teams ganz Deutschland und natürlich uns.“

Aufgrund ihrer starken Leistung in den vergangenen Jahren sind sie in diesem Jahr direkt zum Battle of the Year am 15. September in Hannover eingeladen worden, in die Qualifikation müssen sie daher nicht mehr.

Zwei- bis dreimal die Woche trainieren die Lost Kidz für bis zu vier Stunden im Regenbogen. Erst kurz vor den Wettbewerben kommt die gesamte Crew zusammen und erarbeitet gemeinsam Choreografien. Das Training ist hart, Zerrungen sind an der Tagesordnung, ausgerenkte Wirbel oder gebrochene Finger kommen auch immer mal wieder vor. Und für sogenannte Power-Moves (engl.: Kraftbewegungen), wie etwa einen Headspin (das Drehen auf dem Kopf), braucht es viel Kraft. Entscheidend sei jedoch die Technik und vor allem: Übung. Bahadir glaubt, dass der Frauenanteil im Breakdance deshalb so gering ist, da Frauen körperlich im Nachteil seien. Auch die Lost Kidz bestehen nur aus männlichen Mitgliedern. Andererseits, räumt er ein, gebe es in Japan, Südkorea, den USA und in Frankreich weitaus mehr B-Girls als in Deutschland, die teilweise sogar besser tanzten als die deutschen B-Boys.

Und wieso eigentlich Lost Kidz? Der Name stehe für die Kindheit und die damit einhergehende Lebensfreude, die Silvester Kiunka mit der Tanzgruppe bewahren möchte. Spätestens in der Pubertät fand ein jedes der Lost Kidz zum Breakdance. Da ist einerseits die Begeisterung für den Tanz, andererseits bedeutet den Lost Kidz Breakdance vor allem eins: Stressabbau, wie die Hamelner einvernehmlich angeben. „Das Tanzen war für mich immer ein Ausgleich zum Alltag“, erklärt Bahadir, der im Alter von zwölf Jahren über seinen älteren Bruder Engin zum Breakdance fand. „Stress in der Schule oder Probleme zu Hause konnte ich so kompensieren. Das hielt mich von dummen Gedanken ab. Mir ging es einfach immer gut dabei.“ Früher sei Breakdance nicht weniger als sein Leben gewesen, heute sei es für den zweifachen Familienvater eher ein Sport. „Man wird ja auch älter“, sagt er lachend. „Mit den 16-Jährigen kann ich jedenfalls nicht mehr mithalten.“

Aber die Kultur weiterzugeben, das liege ihm nach wie vor am Herzen. Zurzeit nehmen drei Schüler an den Trainingseinheiten der Lost Kidz teil. Darüber hinaus startet der gelernte Industriemechaniker Bahadir in Kürze ein Breakdance-Projekt mit den Häftlingen der Jugendanstalt in Tündern, in der er gerade eine Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten macht.

Mit Mitte 30 sei für die meisten Tänzer die aktive Karriere vorbei. Viele verlagerten ihr Tun dann in die Organisation von Wettbewerben oder werden DJ, um so der Szene die Treue zu halten. Allerdings gebe es in Deutschland sowohl für aktive als auch für passive B-Boys und -Girls beruflich wenig Möglichkeiten. „Deutschland ist zu fußballfixiert“, befindet Bahadir. „Für Breakdance gibt es nur wenig Akzeptanz, geschweige denn Förderung, wie es zum Beispiel in Frankreich der Fall ist, wo viele Breaker an Theatern oder für Musikvideos engagiert werden.“ Die bekannteste Crew hierzulande seien die Flying Steps aus Berlin, die mit ihrem Projekt „Flying Bach“, in dem sie zu klassischer Musik breaken, sogar auf Welttournee gehen.

Aber um kommerziellen Erfolg geht es den Lost Kidz letztendlich auch gar nicht. Sie wollen einfach nur tanzen, besser werden und, natürlich, wie der 20-jährige Thanh Tuan Ngo alias Kenji etwas schüchtern einräumt, „vielleicht auch mal was gewinnen“.



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