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Benjamin Griffey ist 31 Jahre alt, einer der derzeit erfolgreichsten deutschen Musiker – und aus Bösingfeld

Casper - Willkommen im Hinterland

Bösingfeld/Berlin. Aus seinen Wurzeln in der Provinz hat Benjamin „Casper“ Griffey nie ein Geheimnis gemacht. Im Gegenteil. Bis heute hält er für Extertal und Alabama gleichermaßen die Fahne hoch. Nicht ohne Grund heißt sein im September erschienenes, auf Platz 1 gechartetes und mit Gold ausgezeichnetes Album „Hinterland“. Es spiegelt seine Hassliebe zum Provinzleben wider, aber auch seine komplexe musikalische Sozialisation. Während die Musikwelt noch streitet, ob das noch Rap oder schon Folk ist, hat Redakteur Philipp Killmann den Bösingfelder in seiner Wahlheimat Berlin besucht.

veröffentlicht am 17.12.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 07.03.2019 um 15:17 Uhr

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Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Die Zeiten, in denen Casper einem Interviewgesuch noch persönlich stattgab, sind lange vorbei. Anderthalb Jahre dauert es, bis sein Management, „Beat the Rich“, grünes Licht gibt, und die Heimatzeitung aus Caspers Hinterland an der Reihe ist und nach all den großen Tages- und Wochenzeitungen, Musik- und Lifestyle-Magazinen ihr Interview bekommt.

Anfang Dezember in Berlin-Kreuzberg ist es schließlich so weit. Casper wird in eine kleine Küche des Managementbüros geführt, wo unsere Zeitung schon auf ihn wartet. „Ich bin Benjamin“, stellt er sich vor und zeigt sich beeindruckt: „Schaumburger Zeitung – wow! Extra hier hochgekommen?!“ Klar. Denn der Gründe gibt es zur Genüge.

Casper (31) ist ein Rap-Star, der seine Wurzeln im benachbarten Lipperland hat: in Bösingfeld. Sein neues Album heißt nicht nur „Hinterland“, sondern handelt auch davon: die amerikanischen Südstaaten auf der einen Seite, Bösingfeld auf der anderen. Vor allen Dingen jedoch ist Casper ein hochinteressanter Künstler. Einer, der die Hip-Hop-Welt spaltet. Was für die einen kein Rap mehr ist, sind für die anderen neue Maßstäbe, die Casper im Hip-Hop setzt.

Diese Sprache lern’ ich im Leben nicht / Seh’ doch, ich gebe nicht auf, lediglich lern ich, was Regen ist / Hier mitten im ländlichen Nichts / Wo man verborgen nur lacht, mit fremden Menschen nicht spricht / Ich hasse das

- Hin zur Sonne (2008)

Benjamin Griffey kommt 1982 in Lemgo zur Welt. Kurz darauf zieht die Familie, Caspers Vater ist ein amerikanischer Soldat, aus dem Extertal in die USA. Sie haben nicht viel Geld, leben in einem Trailerpark in Augusta, Georgia. Der Vater ist oft lange weg – im Krieg. Als sich die Eltern trennen, wird das Leben nicht leichter. Sein Stiefvater hat Drogenprobleme und ist gewalttätig, es folgt Umzug auf Umzug. 1993 geht seine Mutter mit Benjamin und seinen Schwestern zurück nach Bösingfeld. Den Spitznamen, den ihm sein Vater gab, nimmt er mit: Casper. Weil er so bleich sei wie das Gespenst in dem Film „Casper“. Erst in Bösingfeld lernt er Deutsch, es fällt ihm schwer, sich in der neuen Umgebung einzuleben.

Die Musik gibt ihm Halt, er gründet fiktive Bands, schreibt für sie Texte. Hat er in den Südstaaten vor dem Spiegel Public Enemy nachgerappt, begeistert er sich jetzt auch für Punk-Rock. Er findet Freunde und entdeckt irgendwann auch deutschsprachigen Rap für sich. Nicht zuletzt die „Doing-it-Funky“-Jams im Hamelner Jugendzentrum Regenbogen, wo Szenegrößen wie Kool Savas oder Samy Deluxe auftreten, beeindrucken ihn nachhaltig: „Diese Jams waren immer krasse Erlebnisse, bei denen ich dachte: Das ist genau das, was ich machen will.“

Er fängt selbst an, zu rappen. Auf einer Freibier-Party in Lüerdissen bei Lemgo drängen ihn seine Freunde, erstmals an einer Open-Mic-Session teilzunehmen. Er lernt den Lemgoer Andreas „Abroo“ Biernat kennen, damals eine Art musikalischer Mentor für Casper. Gemeinsam bilden sie die Crew „Battledrones“. 2002 nimmt Casper eine EP namens „Grundstein“ auf.

Gemeinsam landen sie bei einem kleinen Label namens Buckwheats in Mainz. Mit Labelbetreiber Separate und Produzent Fadee veröffentlichen sie 2004 als „Kinder des Zorns“ das Album „Rap Art War“, das in der Szene wohlwollende Resonanz erfährt. Die Rapper stellen ihr technisches Können unter Beweis, inhaltlich wird vor allem Battle-Rap geboten. Allein der Titeltrack erklärt, weshalb sie sich Kinder des Zorns nennen: „Mit acht schon reif und jugendlich / Natürlich stellen die Mitschüler fragen, warum man wieder blau geprügelt ist / Kein Glaube half, Gott lehrte mich Zorn, früh religiöse Werte verloren / Dank meines Stiefvaters hab’ ich meine Kindheit in Atlanta verloren“, rappt Casper noch mit zarter Stimme. Es zieht ihn damals vor allem auf die Bühne, er tritt auch ohne die Kinder des Zorns auf, was schließlich zum Bruch mit der Gruppe führt.

Inzwischen lebt Casper in Bielefeld, hat sich für ein Pädagogikstudium eingeschrieben. Ein musikalisches Zuhause findet er zunächst bei der Hanse City Crew. Er wohnt in einem kahlen Zimmer, von der Hand in den Mund. Mit dem inhaltlich damals sehr materialistischen Rap von Szenehelden wie Kool Savas kann er sich immer weniger identifizieren.

Zuflucht findet er in Metal- und Hardcore. Hier stößt er auf Bands, die ihm aus der Seele sprechen. Er wird Sänger verschiedener Bielefelder Combos, erst bei A Fear Called Treason, dann bei Not Now Not Ever. Sie touren zusammen, Casper singt laut, extrem hoch und büßt in der Konsequenz seine zarte Stimme ein. Seitdem bricht sie ab einer gewissen Lautstärke, wird extrem rau – sein Alleinstellungsmerkmal.

Er vertieft sich wieder in Rap, perfektioniert seine Technik und schießt jetzt selbst größenwahnwitzige Wortsalven, die denen seiner prahlenden Rap-Vorbilder in nichts nachstehen. Über ein kleines Bielefelder Label namens „667 One More Than The Devil“ veröffentlicht er 2006 zunächst ein „Exclusive Mixtape“, gefolgt von dem Mixtape-Album „Die Welt hört mich“. Den Kritikern gefällt es, zumal Casper hier nicht nur technisch brilliert, sondern mit dem Song „Rasierklingenliebe“ auch auf gleichermaßen bedrückende wie anschauliche Weise das Thema Borderline abhandelt. „Doch wir lieben die Klingen, liegen in Klingen / Keiner würde sie je versteh’n, unsere Liebe zu Klingen / Wir geh’n ein Schritt weiter, ein Schnitt weiter / Der beste Freund liegt ein Griff weiter“, rappt Casper, was ihm, gepaart mit seinem von der vermeintlichen Hip-Hop-Norm abweichenden Kleidungsstil – enge Hosen –, in der Szene die abfällige Bezeichnung Emo-Rapper einbringt.

2008 erscheint sein Album „Hin zur Sonne“, ebenfalls über 667. Produziert unter anderem von Benjamin „Cyrus“ Hoch aus Groß Berkel, gemastert von Sascha „Busy“ Bühren aus Bad Oeynhausen. Noch mehr als das Mixtape ist das Album ein Gemisch aus Battle-Tracks und sehr persönlichen Songs.

Diese Geisterstadt, nunmehr dein Heimatkaff / Wo bis zum Leichensack jeder redet, keiner macht / Keiner schafft’s, Wände schweigen unerträglich laut / Jeder Traum steigt an Theken auf, platzt und fegt sich raus - Die letzte Gang der Stadt (2011)

Casper erhofft sich von „Hin zur Sonne“ den großen musikalischen Durchbruch. Als dieser ausbleibt, nimmt er 2009 ein verlockendes Vertragsangebot des angesagten Indie-Labels Selfmade Records an und kehrt 667 den Rücken. Selfmade ist für sein vielseitiges Line-up bekannt, was durch „Emo-Rapper“ Casper noch mal unterstrichen wird. Gemeinsam mit Kollegah, mit dem er bereits vorher zusammengearbeitet hatte, Favorite und Shiml nimmt er das Album „Chronik II“ auf. Ihre Single „Mittelfinger hoch“ erreicht Platz 15 der Charts. Glücklich ist er trotzdem nicht. Casper rückt durch einen Streit zwischen Künstlern von Selfmade Records und dem Label Aggro Berlin in den Hintergrund. Als bei einem Auftritt in Berlin die Bühne der Selfmade-Künstler von Maskierten gestürmt und Caspers Freund Montana Max dabei verletzt wird, erkennt er, dass dies nicht die Welt ist, in der er sich als Künstler so weiterentwickeln kann, wie er es sich wünscht.

In dieser Zeit bekundet Manager Beat Gottwald von „Beat the Rich“ aus Berlin Interesse an der künstlerischen Betreuung von Casper. Es gelingt ihm, Benjamin Griffey aus dem Vertrag von Selfmade zu lösen und findet für ihn bei Four Music ein neues Zuhause. Casper bricht sein Studium ab, zieht nach Berlin. Hier soll er sein Potenzial voll entfalten können und das lang ersehnte Album aufnehmen, auf dem seine komplexe musikalische Sozialisation zum Tragen kommt. „Irgendwann wollte ich meinen Horizont erweitern, einfach kucken, was noch geht“, begründet er diesen Wandel. Als maßgeblicher Produzent wird Steffen „Steddy“ Wilmkin ins Boot geholt. Ihm erklärt Casper, der selbst kein Instrument spielt, wie das Album klingen soll.

Als „XOXO“ im Sommer 2011 erscheint und in der ersten Woche auf Platz 1 der Charts einsteigt, überschlägt sich die Fachpresse mit überschwänglich positiven Kritiken. Die Feuilletons erklären Casper zur „Rettung des deutschen Hip-Hop“ (Die Zeit). Andere fragen sich, ob dieses Emocore-lastige Album überhaupt noch Hip-Hop ist. So hat Rap jedenfalls noch nie geklungen.

„Ich sehe Musik als Spielwiese, auf der man sich austoben kann“, sagt Casper dazu. „Ich finde es schade, wenn Leute sagen: Das ist ja gar kein Hip-Hop mehr. Dann denke ich: Na, was ist denn Hip-Hop?!“ Die Musik von Hip-Hop-Pionieren wie Afrika Bambaataa oder Grandmaster Flash, führt er aus, klinge doch auch nicht wie der von einigen zum Paradigma erklärte Rap aus den 90er Jahren. „Für mich ist Hip-Hop, Musik zu samplen und sie neu auszuarbeiten.“ Unstrittig ist, dass Casper immer rappt – und „XOXO“ derweil mit Platin ausgezeichnet wurde.

Zwei Jahre später steht das mit Spannung erwartete Nachfolge-Album ins Haus. Mit den Produzenten Konstantin Gropper (Get Well Soon) und Markus Ganter (Dagobert, Sizarr) hat er diesmal vor allem seine Indie-Rock- und Folk-Einflüsse ins caspersche Rap-Korsett gepresst.

Wo jeder Tag aus Warten besteht / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / In diesem Hinterland, verdammtes Hinterland / Wo Gedanken im Wind verwehen / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / Geliebtes Hinterland, Willkommen im Hinterland

- Hinterland (2013)

Inhaltlich geht es nicht zuletzt um das einerseits geliebte, andererseits verdammte Hinterland – das amerikanische wie das deutsche. „Natürlich unterscheiden sie sich landschaftlich und kulturell“, sagt er. „Aber die Gesinnung in so Käffern ist immer die gleiche.“ Er verabscheue die spießige Enge, fühle sich aber vom Behüteten angezogen. So sehne er sich manchmal so sehr nach Bösingfeld und seiner Familie, dass er spontan die Sachen packe und nach Hause fahre. „Aber nach zwei Tagen fällt mir schon wieder die Decke auf den Kopf.“

Trotzdem führt es Casper in Kürze erneut zurück ins Hinterland. Auf dem „Zurück Zuhause“-Festival am 27. Dezember in Bielefeld tritt er mit seiner Band – die im Übrigen aus lauter Freunden aus Bielefeld und Goldbeck besteht – nebst Dagobert, Feine Sahne Fischfilet und Alligatoah auf. „Wir spielen in dem Laden, in dem ich früher gearbeitet habe (Ringlokschuppen; Anm. d. Red.)“, sagt er grinsend. „Das ist eine Mischung aus Nostalgie und etwas Genugtuung.“ Danach werde gefeiert und sich gefreut, „dass es ein tolles Jahr war – zum Glück“, sagt er und klopft dreimal auf den Tresen.

Die Küchentür öffnet sich. Ein Mitarbeiter von Beat the Rich signalisiert, die Interviewzeit ist abgelaufen. Casper klappt seinen Laptop auf, und unsere Zeitung tritt den Weg zurück ins Hinterland an.

Online: Was Casper außerdem mit Bösingfeld, Rinteln und Hameln verbindet, lesen Sie im vollständigen Interview auf www.szlz.de unter „Kultur“ › „Lokale Kultur“.



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