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Willi Nega – vom Hamelwehr in die Konzentrationslager von Buchenwald, Mauthausen und Dachau

Hamelwehr-Serie Teil 7: „Ich weiß noch, wie er abgeholt wurde“

Das Hamelwehr war das berüchtigte Armenviertel in der Südstadt, das bis in die 70er Jahre fortbestand. Häufig war es Stadtgespräch – selten bis gar nicht kamen dabei die Menschen zu Wort, die dort lebten. In der Dewezet-Serie „Die Menschen vom Hamelwehr“ wird die Geschichte der Siedlung aus der Perspektive der Bewohner erzählt. Willi Nega kann seine Geschichte nicht mehr selbst erzählen. Er starb 1940 im Konzentrationslager Dachau.

veröffentlicht am 27.02.2017 um 15:32 Uhr
aktualisiert am 03.03.2017 um 10:03 Uhr

Willi Nega (3. v. li.) mit seiner Familie im Jahr 1937 vor seiner Wohnung in der Ohsener Straße, bevor es wenig später in die Siedlung am Hamelwehr ging. Foto: pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Katharina Burgess (58) hat ihren Großvater geliebt. Obwohl sie ihn niemals kennengelernt hat. Doch in den Erzählungen ihrer Großmutter und Mutter lebte er weiter. Obwohl er durch die Nazis im Konzentrationslager Dachau zu Tode kam. Doch die näheren Umstände darüber blieben bislang im Dunkeln. Durch Zufall ist Burgess ihrem Großvater jetzt, Jahrzehnte später, doch noch auf die Spur gekommen. Als sie in der Facebook-Gruppe „Wenn du in Hameln aufgewachsen bist, dann …“ auf den Dewezet-Aufruf nach Zeitzeugen des Hamelwehrs stößt, kommen bei Burgess viele Erinnerungen wieder hoch. Die 58-Jährige ist selbst am Hamelwehr geboren und aufgewachsen, in dem „Nega-Dorf“, wie manche Hamelner sagten. Eine Anspielung auf die Großfamilie Nega, die am Hamelwehr besonders zahlreich vertreten war. Burgess will wissen, ob sie im Internet etwas über ihren Geburtsort erfahren kann. „Unteres Hamelwehr“ gibt sie bei Google ein, ihre damalige Anschrift.

Bingo. Ein Treffer gleich an zweiter Stelle: auf einer amerikanischen Internetseite namens „www.stevemorse.org“. Dort stößt sie auf die Daten ihres Großvaters Willi Nega. Und auf die seines Zwangsaufenthalts in Dachau. Burgess kommen die Tränen. Als erste Familienangehörige war sie vor vier Jahren ihrem Opa zuliebe zur KZ-Gedenkstätte in Dachau gereist. „Es war schrecklich“, sagt sie. „Ich habe geweint.“

Katharina Burgess ist etwa zwölf Jahre alt, als sie die Geschichte über ihren Großvater zum ersten Mal hört. Ihre Oma erzählt sie ihr unter Tränen. Die Erzählung brennt sich in Burgess‘ Gedächtnis ein. „Er sollte für die Gestapo spitzeln, aber hat sich verweigert“, sagt Burgess. „Erst war alles ruhig. Ein paar Tage später klopfte es morgens um fünf an der Tür. Die SS forderte meinen Opa auf, mitzukommen, um ein paar Fragen zu beantworten. ,Ich muss zur Arbeit!‘, soll er geantwortet haben. ,Bis dahin bist du zurück‘, sagte man ihm. Am Nachmittag ist meine Oma zum Polizeirevier gegangen. ,Wo ist mein Mann?‘ – Der kann jetzt nicht.“ Unter Androhung, sie „auch noch mitzunehmen“, habe man sie fortgeschickt.

Katharina Burgess mit Fotos von ihrem Großvater. Foto: pk
  • Katharina Burgess mit Fotos von ihrem Großvater. Foto: pk
Willi Nega (1900-1940) Foto: pr
  • Willi Nega (1900-1940) Foto: pr

Der Internetseite zufolge kam Nega im August 1940 über das Außenlager Mauthausen als Zwangsarbeiter mit der Gefangenennummer 14744 ins KZ Dachau, wo er im Dezember des selben Jahres starb. Im Alter von nur 40 Jahren. Als Wohnort wird irrtümlich „Hammer“ statt Hameln angegeben, als Anschrift „Untere Hamelwehr“. Eine Anfrage der Dewezet bei der KZ-Gedenkstätte Dachau bestätigt die Daten.

Weitere Informationen über Willi Nega holt der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen ein. Demnach kommt Willi Nega in Helmstedt zur Welt und ist von Beruf Heizer.

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Am 21. April 1938 wird er in Hameln in sogenannte „Schutzhaft“ genommen, also ohne richterlichen Befehl. Alfred Schön (83), der damals ebenfalls am Hamelwehr lebt, erinnert sich. „Ich weiß noch, wie er abgeholt wurde“, erzählt er. „Direkt mitbekommen habe ich es nicht, aber ich habe davon gehört.“ Seines Wissens war Nega Kommunist. Was Burgess‘ Tante jedoch bestreitet.

Am 19. Mai 1938 wird Nega in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Von den Nazis als „ASR“ kategorisiert: „arbeitsscheu“. „Im Rahmen der Aktion ,Arbeitsscheu Reich‘ (ASR) werden im April und im Juni 1938 bei zwei Verhaftungswellen mehr als 10 000 Männer als sogenannte Asoziale in Konzentrationslager verschleppt. Das diente vor allem der Abschreckung“, erläutert Gelderblom. Die Aktion habe Landstreicher, Bettler, Prostituierte, „Zigeuner“, Trunksüchtige und Menschen mit ansteckenden Krankheiten, insbesondere Geschlechtskrankheiten, betroffen.

Den Nazis sei es dabei um die Ausschaltung eines Personenkreises gegangen, der aufgrund vermeintlich erblicher Anlagen zur Kriminalität neige. Die Nazis waren der Auffassung, dass Kriminalität erblich bedingt sei. „Es handelt sich also um so etwas wie eine rassische Generalprävention“, so Gelderblom.

Zwei Jahre später, am 7. März, wird Nega in das KZ Mauthausen überstellt, diesmal in der Häftlingskategorie „AZR“ („Arbeitszwang Reich“). Am 15. August 1940 wird er in das KZ Dachau gebracht, wo er am 22. Dezember stirbt. Die angegebene Todesursache für den 40-jährigen Familienvater von zehn Kindern: „Lungenentzündung, Versagen von Herz und Kreislauf“. „Die Behandlung dieser Häftlingsgruppe war barbarisch“, sagt Gelderblom, auch im Hinblick darauf, dass Nega in nur zweieinhalb Jahren drei KZs durchläuft.

Nach seiner Deportation erreichen die Familie noch ein paar Briefe von Willi Nega. „Sie begannen mit ,Meine liebe Frau‘, ein paar Stellen waren zensiert“, erzählt Burgess. „,Mir geht es hier gut, schickt uns keine Pakete, schickt uns Geld!‘, schrieb er.“ Zwei Jahre später kam die Todesnachricht, er sei an Herzversagen gestorben . „Ja, klar“, sagt Burgess.

Sie holt zwei Fotos von ihrem Großvater hervor. Eins zeigt ihn 1937 mit seiner Familie vor dem Haus in der Ohsener Straße, in dem sie lebten, kurz bevor es ans Hamelwehr ging. Wieso die Negas umziehen mussten, ist Burgess nicht bekannt. Zuvor hatten sie in der Barackensiedlung „Am Brössel“ in der Nordstadt gelebt, davor wiederum im Wehler Weg.

Das andere Foto ist ein Porträt. „Mein Opa war ein gut aussehender Mann“, findet Burgess. Er soll ein ruhiger Mensch gewesen sein. „Er war und ist irgendwie immer da gewesen, obwohl er in Wirklichkeit nicht mehr da war“, sagt die Hamelnerin. Sie habe ihn immer vermisst. Ihre Großmutter blieb bis zu ihrem Tod allein.

Bernhard Gelderblom möchte Willi Nega nun in das Gedenkbuch der Hamelner Opfer des Nationalsozialismus mit aufnehmen. Auch einen „Stolperstein“ könnte er bekommen. Katharina Burgess findet die Idee gut. „Ich hoffe, dass sich diese Geschichte niemals wiederholt“, sagt sie.

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