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Andreas Hentrich wuchs in den Hahlbrock-Häusern auf

Hamelwehr-Serie Teil 6: „Sag, du bist vom oberen Hamelwehr!“

Das Hamelwehr war das berüchtigte Armenviertel in der Südstadt, das bis in die 70er-Jahre fortbestand. Häufig war es Stadtgespräch – selten bis gar nicht kamen dabei die Menschen zu Wort, die dort lebten. In der Dewezet-Serie „Die Menschen vom Hamelwehr“ wird die Geschichte der Siedlung aus der Perspektive der Bewohner erzählt. Andreas Hentrich hatte zwar dieselbe Anschrift – lebte aber am „oberen“ Hamelwehr.

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Bekannt war das Hamelwehr für seine verrufene Sozialbausiedlung mit der Anschrift „Am unteren Hamelwehr“. Dabei gab es auch ein „Oberes Hamelwehr“. Das war der Straßenabschnitt mit fünf Werkswohnhäusern der Handschuhfabrik Hahlbrock. Und ihre Bewohner legten wert auf diese Unterscheidung. Sie wollten nicht mit den Leuten des berühmt-berüchtigten „anderen“ Hamelwehrs ein paar Meter weiter die Straße runter in einen Topf geworfen werden. Einer der Bewohner war Andreas Hentrich.

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„Meine Eltern sagten mir, ich solle in der Schule sagen, dass ich vom oberen Hamelwehr bin, mit der Betonung auf ,oberen‘“, erzählt Hentrich (67). Sie wollten nicht, dass man ihn in eine „falsche Schublade“ steckte. Hentrich erinnert sich, dass öfter Polizeiwagen in die Nachbarsiedlung fuhren. „Wohl meist, weil es dort zu Auseinandersetzungen wegen Trinkens kam“, so Hentrich.

Sein Vater arbeitete bei Hahlbrock in der Handschuhfabrik. Die Arbeiter konnten in den Werkswohnungen wohnen. „Ich weiß noch, wie die Hamel dort durch die Färberei in der Fabrik immer eine andere Färbung hatte: gelb, blau oder rot“, erinnert sich Hent-rich. „Der Umweltschutz war damals noch nicht so weit.“

  • Zunächst wohnten die Hentrichs in dem zweiten Haus, später zogen sie in das vordere um. Die Straße führt ans andere Hamelwehr. Foto: pr
  • So sieht Andreas Hentrich heue aus. Foto: pr
  • Wer ans Hamelwehr wollte, der musste diese Brücke über der Hamel überqueren. Rechts im Bild: Werkswohnungen von Hahlbrock. Foto: pr
  • Der Innenhof des u-förmigen Hahlbrock-Hauses. Nach einiger Zeit zogen die Hentrichs aus einem der kleineren Werkshäuser in dieses um. Foto: pr

Die Hentrichs lebten von 1949 bis 1958 am „oberen Hamelwehr“, das offiziell nie so hieß. Die offizielle Anschrift der Hentrichs lautete „Am unteren Hamelwehr“. Später wurde dieser Straßenabschnitt dann in Hahlbrockweg umbenannt. Aber um sich von der verrufenen Siedlung nebenan abzugrenzen, sprach man bis dahin vorzugsweise vom „oberen Hamelwehr“ oder auch von der „Hahlbrocksiedlung“. „Die andere Siedlung hat unsere Leute furchtbar gestört, das war ein Makel“, bestätigt Jutta Hahlbrock (93), die Witwe von Unternehmer Gerd Hahlbrock. Dass sie dieselbe Anschrift hatten, habe die Bewohner der Hahlbrockhäuser gestört. Die sind in den 1920er-Jahren von Jutta Hahlbrocks Schwiegervater gebaut worden. „Damals gab es noch kein Sozialsystem wie heute, sodass die Unternehmer in der Pflicht für gewisse Sozialleistungen waren“, schildert sie. „Die Menschen dort waren froh über ihr eigenes Häuschen, ihren eigenen Garten und ihr eigenes Gemüse.“

Die Hentrichs wohnten zunächst in einem der vier kleineren Werkswohnhäuser. Die Bewohner teilten sich draußen neben dem Hauseingang ein Plumpsklo. Vor den Häusern hatten sie Gärten. „Dort habe ich Anfang der 50er- Jahre, als ich in Hameln Fuß fasste, meinen ersten Rhabarber bekommen“, sagt Hahlbrock. 1953 zogen die Hentrichs in den großen u-förmigen Block nebenan. „Dort wohnten jeweils fünf Parteien, die sich zwei Plumpsklos teilen mussten“, schildert Hent-rich.

An die Fluthamel am Ende der Straße durfte er nicht. Dazu hätte er nämlich die berüchtigten Sozialbauten durchqueren müssen. Doch für den kleinen Andreas war an der Grenze zur „Nega-Siedlung“ Schluss. Dass diese Bezeichnung auf die Familie Nega zurückgeht, war Hentrich nicht klar. „Ich dachte immer, das steht für ,Neger‘“, sagt Hentrich. So war es womöglich doppeldeutig auch gemeint: abwertend. „Aber weiter habe ich mich auch nicht getraut“, erzählt er. „Ich habe mich vor den anderen Kindern, die dort in Massen spielten, immer in Acht genommen. Die waren etwas wilder.“

Seine Welt reichte allenfalls noch über den angrenzenden Bahndamm hinaus. Dort spielte Hentrich in den Ruinen, in denen er Patronen und Magazine fand. Auf dem Bahndamm hielten öfter Züge der Alliierten. „Die gaben uns dann Schokolade und Kaugummi“, erinnert sich Hentrich. „Da habe ich auch die ersten Schwarzen gesehen.“

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