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Wiedersehen nach gut 50 Jahren – Hartmut Pletzer und Reilo Weiß kennen sich vom Hamelwehr

Hamelwehr-Serie Teil 5: „Ich habe in zwei Welten gelebt“

Das Hamelwehr war das berüchtigte Armenviertel in der Südstadt, das bis in die 70er Jahre fortbestand. Häufig war es Stadtgespräch – selten bis gar nicht kamen dabei die Menschen zu Wort, die dort lebten. In der Dewezet-Serie „Die Menschen vom Hamelwehr“ wird die Geschichte der Siedlung aus der Perspektive der Bewohner erzählt. Reilo Weiß hat am Hamelwehr gelebt, Hartmut Pletzer war regelmäßiger Besucher.

veröffentlicht am 20.02.2017 um 14:21 Uhr
aktualisiert am 03.03.2017 um 10:04 Uhr

Hartmut Pletzer (66; rechts im Bild) mit seinem „Beschützer“ Rigoletto „Reilo“ Weiß (69). Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Es ist ein Wiedersehen nach gut 50 Jahren. Hartmut Pletzer (66) hat Rigoletto „Reilo“ Weiß (69) noch gut in Erinnerung. Kein Wunder, hat Weiß ihn in der Jugend doch mal aus einer brenzligen Situation befreit. So etwas vergisst man nicht. Die Dewezet-Serie über das Hamelwehr hat die beiden Hamelner wieder zusammengeführt.

Was war damals passiert? Ein paar ältere Sinti aus Hamburg wollten den etwa 15-jährigen Pletzer beim Rummel auf dem Tönebönplatz in die Mangel nehmen. „Da kam Reilo (selbst Sinto; Anm. d. Red.) dazwischen, hat ihnen ein paar verpasst und sie in ihre Schranken verwiesen“, erzählt Pletzer in der Küche von Reilo Weiß. „Er hat mich beschützt.“ Von da an ließ man ihn in Ruhe. Als Pletzer einmal an eine größere Sammlung von Hansrudi-Wäscher-Comics („Sigurd“, „Akim“) kam, schenkte er sie Reilo Weiß. Und der sammelt sie bis heute.

Die Wege von Pletzer und Weiß kreuzten sich am Hamelwehr. Reilo Weiß lebte dort in einer der Baracken, seit die Sinti-Familie Weiß 1964 von ihrem Wohnwagenlager am Rettigs Grund ans Hamelwehr umgesiedelt wurde. Pletzer wohnte damals zwar wohlbehütet in der Chamissostraße. Aber seine Großeltern und sein Onkel wohnten in den Reihenhäusern am Hamelwehr. Die Ferien verbrachte er bei ihnen.

Hartmut Pletzer (re.) mit etwa 16 Jahren am Hamelwehr. Im Hintergrund ist ein Schlot der Teppichwerke Oka zu sehen. Foto: pr
  • Hartmut Pletzer (re.) mit etwa 16 Jahren am Hamelwehr. Im Hintergrund ist ein Schlot der Teppichwerke Oka zu sehen. Foto: pr
„Es gab dort die Hamel und viele Kinder, das war hervorragend zum Spielen“, erinnert sich Hartmut Pletzer. Das Foto ist aus einem Zeitungsbericht der Dewezet vom Juli 1959. Ein großes Fischsterben in der Fluthamel lockte nicht nur die Presse, sondern
  • „Es gab dort die Hamel und viele Kinder, das war hervorragend zum Spielen“, erinnert sich Hartmut Pletzer. Das Foto ist aus einem Zeitungsbericht der Dewezet vom Juli 1959. Ein großes Fischsterben in der Fluthamel lockte nicht nur die Presse, sondern auch die Kinder vom Hamelwehr an das Gewässer. Foto: Archiv
Ein Junge auf der Straße „Am unteren Hamelwehr“ im Jahr 1973. In dieser Zeit schreiten die Abrisspläne voran. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • Ein Junge auf der Straße „Am unteren Hamelwehr“ im Jahr 1973. In dieser Zeit schreiten die Abrisspläne voran. Foto: Stadtarchiv Hameln

Vor einer Baracke haben die hübschen Zigeunermädchen manchmal getanzt, wie auf einer Bühne.

Hartmut Pletzer

Sein Großvater Eduard Pletzer war Koch. Aber in den 30er Jahren hatte er keine ständige Anstellung mehr. Die Miete in der Königstraße wurde zu teuer, sodass er mit seiner Familie in die Sozialbauten am Hamelwehr zog.

„Es gab dort die Hamel und viele Kinder, das war hervorragend zum Spielen“, erinnert sich Pletzer. Er habe dort „nie Probleme“ gehabt, „auch nicht mit den Zigeunern“, im Gegenteil. In Reilo Weiß sah er einen Kumpel. „Und vor einer Baracke haben die hübschen Zigeunermädchen manchmal getanzt, wie auf einer Bühne“, erinnert er sich und schmunzelt.

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Als Kind habe er von den teils schwierigen sozialen Verhältnissen vor Ort nichts mitbekommen. Klar, die Plumpsklos im Vorgarten waren für ihn schon was Besonderes, auch dass es nur einen Wasserhahn vorm Haus gab. Aber sonst sei ihm nichts weiter aufgefallen. „Als ich ein bisschen älter war, habe ich schon bemerkt, was da so abging, aber überwiegend in den Baracken. Da wurde teilweise viel gesoffen“, sagt Pletzer. Ein paar, von denen viele die „Hilfsschule“ besucht hätten, „haben nicht die Kurve gekriegt“, kamen ins Gefängnis.

Für seine Freundschaften am Hamelwehr wurde er von anderen Kindern seines Alters, die nicht dort lebten, angefeindet. „,Das sind Asoziale!‘, haben die gesagt“, erzählt er. „Aber mir war das egal. Ich habe irgendwie in zwei Welten gelebt.“

Die Erinnerung von Reilo Weiß an Pletzer ist hingegen vage, so richtig will der Groschen nicht fallen. Aber in der Jugend sind drei Jahre Altersunterschied viel. Umso frischer ist seine Erinnerung ans Hamelwehr. Er war gerade 16, als er mit seinen Eltern und Geschwistern ans Hamelwehr zog.

„Ich weiß noch, dass die Alten Bedenken hatten, dort hinzuziehen“, erzählt er. Das Hamelwehr war auch den Sinti als „heißes Pflaster“ bekannt gewesen, man hörte, dass sich dort viel geschlagen und viel gesoffen würde. „Die Alten hatten Sorge um uns Kinder und Jugendliche“, sagt Weiß und fügt hinzu: „Wir selbst nicht.“

Anfangs hatten sie noch in ihrem alten Wohnwagen gewohnt, den sie mit ans Hamelwehr genommen hatten. Zu acht. „Ich weiß selbst nicht mehr, wie wir da alle reingepasst haben“, sagt er.

Die Zeit am Hamelwehr hat der 69-Jährige als einen besonders schönen Lebensabschnitt in Erinnerung. Er war jung, und am Hamelwehr war immer was los. Manchmal sei es dort durchaus wild hergegangen und zu Schlägereien gekommen. Doch jung wie er war, gehörte das wohl irgendwie mit dazu.

Aber da ist noch etwas. „Es war schön, weil dort alle Sinti noch zusammen waren“, sagt Weiß. „Später zogen alle in Wohnungen, über die Stadt verteilt.“ Die bis dato enge Gemeinschaft löste sich gewissermaßen auf. Schön sei am Hamelwehr aber nicht nur das Zusammenleben der Sinti gewesen. „Jeder kannte sich“, sagt Weiß. „Das war schön. Wäre es heute auch noch. Für mich zumindest.“

Mit 18 heiratet Weiß, macht seinen Führerschein und zieht schließlich mit seinen Schwiegereltern nach Rohrsen und später an den Kuckuck. Da sind auch Hartmut Pletzers Zeiten am Hamelwehr vorbei. Seine Großmutter, inzwischen verwitwet, zieht Ende der 60er Jahre in den Forster Weg.

In der Küche stehen Reilo Weiß und Hartmut Pletzer auf und geben sich einander noch einmal die Hände. Dann trennen sich ihre Wege wieder.



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