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Familie Ahrens verschlug es in den späten 60ern in das Viertel

Hamelwehr-Serie Teil 4: Schisslaweng am Hamelwehr

Das Hamelwehr war das berüchtigte Armenviertel in der Südstadt, das bis in die 70er Jahre fortbestand. Häufig war es Stadtgespräch – selten bis gar nicht kamen dabei die Menschen zu Wort, die dort lebten. In der Dewezet-Serie „Die Menschen vom Hamelwehr“ wird die Geschichte der Siedlung aus der Perspektive der Bewohner erzählt. Familie Ahrens lebte von 1968 bis 1974 am Hamelwehr.

veröffentlicht am 16.02.2017 um 17:33 Uhr
aktualisiert am 03.03.2017 um 10:04 Uhr

Anneliese Ahrens (Mitte) mit ihren Töchtern Nicole Bailey (v. re.), Cornelia Kartal und Ramona Lennox sowie mit Sohn Jürgen Ahrens und Freundin Katharina Burgess in ihrem Wohnzimmer in der Nordstadt. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Anneliese Ahrens (80) muss weinen, als Katharina Burgess (58) überraschend vor ihrer Wohnungstür in der Nordstadt steht. Die 80-Jährige kennt sie schon, da war Burgess noch ein kleines Mädchen. Damals am Hamelwehr. Denn um das Hamelwehr geht es an diesem Tag in der Küche von Anneliese Ahrens. Zu Besuch sind auch Nicole Bailey (47), Cornelia Kartal (60), Ramona Lennox (46) und Jürgen Ahrens (51), vier von insgesamt zehn Kindern, die Anneliese Ahrens zur Welt gebracht hat. Es gibt Kaffee. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer alten Freundin Burgess (geb. Nega) wollen sie sich an ihre Zeit von 1968 bis 1974 am Hamelwehr erinnern.

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„Ich dachte, hier kommst du nicht mehr raus!“, sagt Ahrens über ihre Ankunft am Hamelwehr. Ihr Mann Friedel Ahrens ( 2016) hatte 1968 seine Arbeit bei der Teppichfabrik Besmer verloren. „Schisslaweng!“, ruft die Witwe aus. „Wie sollten wir jetzt die Wohnung bezahlen?“ Es war schwierig, eine gleichermaßen günstige wie große Wohnung zu finden, erst recht mit so vielen Kindern.

„Es heißt ja immer, wer so viele Kinder hat, ist asozial“, sagt Ahrens und fügt mit erhobenem Zeigefinger hinzu: „Aber glauben Sie ja nicht, dass meine Kinder asozial sind!“ Damals habe es auch noch nicht so viel Kindergeld gegeben wie heute. „Wenn, dann hätte mein Mann ja gar nicht arbeiten brauchen“, sagt die gebürtige Börryerin im Scherz und lacht.

In dem vorderen Teil des Hauses haben die Ahrens’ gewohnt. Auf dieser Aufnahme von 1973 sind die Ställe hinterm Haus schon verschwunden. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • In dem vorderen Teil des Hauses haben die Ahrens’ gewohnt. Auf dieser Aufnahme von 1973 sind die Ställe hinterm Haus schon verschwunden. Foto: Stadtarchiv Hameln
Das Eckhaus, in dem Familie Ahrens gelebt hat, von der anderen Seite aus zu sehen. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • Das Eckhaus, in dem Familie Ahrens gelebt hat, von der anderen Seite aus zu sehen. Foto: Stadtarchiv Hameln

Die Eltern waren gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben. Sie ziehen zunächst in die Baracken an der Pumpstation (Heinestraße) und schließlich am Hamelwehr. „Das war schlimm, sehr, sehr schlimm“, sagt sie. „Gleich in unserer ersten Woche, da flog ein Stuhl durchs Fenster! Da dachte ich, ,Ist das hier immer so‘?!“

Auch Cornelia Kartal erinnert sich noch an die Ankunft. „Ich will der Stadt Hameln ja keinen Vorwurf machen, aber die Hygiene da war nicht optimal“, sagt sie. „Als wir die Baracke zugewiesen bekommen haben, musste die erst mal desinfiziert werden.“

Am Hamelwehr ging es damals mitunter recht wild zu. Konflikte seien am Hamelwehr häufig mit Gewalt gelöst worden. Der Ruf der Siedlung eilte ihr voraus. „Die Taxifahrer sagten damals: Am Hahlbrockweg ist Ende!“, erzählt Kartal, die heute als Altenpflegerin arbeitet. Der Hahlbrockweg führte von der Kuhlmannstraße zum Hamelwehr. Besonders, wenn bei einigen Bewohnern Alkohol im Spiel war, kam es öfter zu Schlägereien. Und manche Jungs kannten ihre Grenzen nicht. „Ich war damals so zwölf, dreizehn Jahre alt, gerade in der Pubertät“, erzählt Kartal. „Ich habe mir immer ein Messer eingesteckt, wenn ich das Haus verlassen habe.“ Die Verkäufer, die ans Hamelwehr kamen, um ihrem Geschäft nachzugehen, seien öfter beklaut worden. „Am Hamelwehr lebten auch viele Knastologen und Saufkumpanen“, sagt Ahrens.

Als ihr Mann später wieder Arbeit hat, bei der Gummifabrik Körting, sei sein Ansehen in der Siedlung gestiegen. „Dadurch hatte er bei den anderen Bewohnern Respekt“, erzählt sie. Trotzdem: „Einer musste immer in der Wohnung bleiben, damit niemand etwas klaute.“

Aber Anneliese Ahrens hat auch schöne Erinnerungen ans Hamelwehr. „Da war der Wiesemann und seine Frau, das waren Zigeuner …“ Und von einer alten Sinteza hat sie sich ich immer die Wahrheit sagen lassen. „,Du wirst viele Kinder kriegen‘, sagte sie. Und sie hatte recht“, erzählt die Großmutter von 13 Enkelkindern und lacht.

Auch Jürgen Ahrens erinnert sich noch an die Sinti. „Die Großfamilie Weiß war sehr bekannt dort. Sie waren aber nicht, wie viele berichten, die Schlimmsten dort. Wenn bei denen Party war, wurden alle eingeladen mit Lagerfeuer und ordentlich Musik mit Geige und Gitarre. Für uns als Kinder war das immer ein Erlebnis.“

Zwar sei es am Hamelwehr auch mal hoch her gegangen, und alle hatten es schwer. „Aber auf eine Art haben alle zusammengehalten und zusammengearbeitet“, meint Anneliese Ahrens. Freundschaften entstanden, „mit den Aukschlats zum Beispiel“, sagt ihr Sohn Jürgen Ahrens. Katharina Burgess’ Mutter war Helga Aukschlat, sie waren Nachbarn. „Ich habe schöne Erinnerungen an Katharina, sie war eine gute Freundin“, erinnert sich Cornelia Kartal. „Aber es war immer so ein Kampf da am Hamelwehr.“

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„Hamelwehr hat mein Leben geprägt.“

Detlef Ahrens ist 55 Jahre alt und eines von zehn Kindern von Anneliese Ahrens. Der gelernte Bäcker ging Anfang der 90er Jahre nach Frankfurt am Main. Dort arbeitet er heute als Masseur und Bademeister. Seine Erinnerung ans Hamelwehr: „Sicherlich war das Wohnen am Hamelwehr für uns Kinder oft auch wie ein Abenteuerspielplatz. Aber für die Älteren war es auch sehr schwer, dort zu leben. Je älter wir wurden, desto schneller wollten wir dort weg. Heute würde man eine Familie mit so vielen Kindern unter solchen Bedingungen nicht wohnen lassen. Ich kann mich erinnern, dass wir Kinder oft hungrig ins Bett hätten gehen müssen, wenn uns unsere Großeltern nicht mit Geld und Lebensmitteln ausgeholfen hätten. Ich habe schöne und auch viele schlechte Erinnerungen an das Hamelwehr. Ich schäme mich nicht, dass ich dort gewohnt habe. Aber ich denke, es hat mein weiteres Leben sehr geprägt. Ich weiß, was Hunger bedeutet. Ich weiß, wie es ist, wenn man als Kind frieren muss. Ich habe gelernt, mit meinen Geschwistern zu teilen und mich um die Kleinen zu kümmern. Und ich habe mich schon sehr früh auch darum kümmern müssen, Essen zu besorgen. Man muss aber auch schon sagen, dass das Hamelwehr gar keinen so schlechten Ruf hatte. Wir hatten nicht jeden Tag die Polizei da. Es war nur ein Ort, wo arme Menschen und Sinti wohnten. Kein Ghetto, wo sich selbst die Polizei nicht mehr hintraut. Wir sind zur Schule gegangen, meine Eltern haben gearbeitet. Wir waren gut erzogen, ganz normale Kinder. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir Probleme in der Schule hatten, weil wir vom Hamelwehr kommen. Ich schäme mich nicht, wo ich herkomme. Aber ich wollte nie wieder dorthin zurück. Das hat mich in meinem Leben immer angetrieben.“

Nach ein paar Jahren konnte die Familie aus der Baracke ausziehen und in eine der älteren Notunterkünfte aus den 1930er Jahren, den Steinhäusern am Hamelwehr, ziehen. „Das war eine Verbesserung“, befindet Ahrens. „Wir hatten ein Eckhaus mit sechs Zimmern, es gab einen Garten mit einer kleinen Pforte und unseren Hund, den Seppel, der hat aufgepasst.“ Für Nicole ist der Seppel die lebendigste Erinnerung ans Hamelwehr – und das Plumpsklo, in das sie beinahe mal hineingefallen sei.

Geheizt wurde mit Holz und Kohle. Einmal die Woche kam „Frau Graf“ von der Kirche vorbei und hielt mit den Kindern Bibelstunde. Dafür hatte die ev.-luth. Kirchengemeinde bei der Stadt einen Raum am Hamelwehr angemietet. In den Ferien arbeiteten die Kinder bei Tündern auf dem Feld, pflückten Bohnen.

Einen Fernseher hatten die Ahrens irgendwann auch. „Ich weiß noch, wie alle bei uns waren, um die Mondlandung zu sehen“, erzählt Jürgen Ahrens, seines Zeichens heute Fleischermeister und Koch.

Aber fließend Wasser gab es auch in den Reihenhäusern nicht. „Die Fäkalien sammelten sich am Bahndamm, hinter der Reihe Plumpsklos“, schildert Kartal. Dort wimmelte es vor Ratten und Mäusen. „Da war es irgendwann besser, in einen Plastikeimer zu machen! Unter uns Kindern gab es dann immer Streit, wer den Eimer rausbringt.“

Die hygienischen Zustände am Hamelwehr waren mitunter katastrophal. 1968 seien mehrere Babys und Kleinkindern am Hamelwehr erkrankt, sagt Kartal. Auch die einjährige Anja Ahrens. Mit Erbrechen und Durchfall kommt sie ins Krankenhaus. Sie stirbt. Während Kartal die Erkrankung auf verunreinigtes Trinkwasser am Hamelwehr zurückführt, spricht Mutter Ahrens von einem Virus, der damals in ganz Hameln umgegangen sei. „Der konnte sich nur am Hamelwehr besonders gut verbreiten“, meint sie.

1974, einige Baracken sind bereits unbewohnt, findet Friedel Ahrens wieder eine Anstellung bei Besmer. Die Ahrens’ ziehen vom Hamelwehr in eine Werkswohnung in der Domeierstraße. „Das war viel besser“, sagt Anneliese Ahrens und schwärmt. „Da hatten wir dann eine Dusche, eine Badewanne, eine Toilette, drei Waschbecken …“

Anneliese Ahrens arbeitete fortan in der Küche bei Schmelz in der Osterstraße. „Dass ich es so weit gebracht habe …“, sagt sie und seufzt.



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