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Letzter Teil der Dewezet-Serie: Leser teilen ihre Erinnerungen an das Hamelwehr

Hamelwehr-Serie Schlussteil: Unsere Geschichte

HAMELN. Das Hamelwehr war das berüchtigte Armenviertel in der Hamelner Südstadt. Es bestand bis in die 70er-Jahre fort. Häufig war es Stadtgespräch – selten kamen Menschen zu Wort, die dort lebten. In den vergangenen Wochen ist die Geschichte der Siedlung im Rahmen der Dewezet-Serie „Die Menschen vom Hamelwehr“ aus der Perspektive damaliger Bewohner erzählt worden. Im Zuge dessen haben sich weitere Bewohner (und Besucher) des Hamelwehrs bei der Redaktion gemeldet. Mit ihren Geschichten, sechs an der Zahl endet die Dewezet-Serie.

veröffentlicht am 02.03.2017 um 20:42 Uhr
aktualisiert am 06.03.2017 um 13:25 Uhr

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Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

„Alles kam wieder hoch“

Gabriele Neß (60), geb. Klinger, hat Am unteren Hamelwehr 96 gewohnt. Durch die Dewezet-Serie „kam alles wieder hoch“, sagt Neß. Sie weiß noch genau, wie das kleine Zimmer in der Baracke aussah, das sie sich mit ihrer Mutter teilte, mit dem Ofen, der „im Winter glühte“. Ihre Mutter war aus Ostpreußen, ihr Vater Schotte, aber den hat sie nie kennengelernt. Als älteste von fünf Geschwistern war sie immer „die Beschützerin“.

Das Hamelwehr war für sie „ein Traum, Freiheit pur“. Spielen mit den vielen anderen Kindern, am Wasser. pferde gab es auch. Und irgendein Erwachsener war immer in der Nähe. „Aber Alkohol war das Problem“, sagt sie. „Es wurde viel gebechert.“ Sie erinnert sich an Partys. Und Schlägereien. Und arm waren sie. So arm, dass öfter die Butter fürs Brot fehlte, für Schulbrote reichte es nie. In der Schule wurden sie gemieden. „Wir wurden viel angemacht, aber gegen uns kam keiner an“, sagt die Aerzenerin stolz. „Wir waren vom Hamelwehr.“

Als ihre Mutter in den 60er Jahren eine neue Arbeit bekam, nahm das Jugendamt ihr die Kinder. Neß kam ins Kinderheim Reseberg. Es war der Anfang einer Odyssee durch eine lieblose Heimlandschaft. Aber „das Schicksal des Heimkinds Gabi K.“ hat die Dewezet schon 1987 erzählt.




„Zuerst war ich etwas geschockt“

Hans-Joachim Krakowski (72) hat zwar nicht am Hamelwehr gewohnt. Aber er hat dort die Post zugestellt. In der Lehre ging er zunächst bei den älteren Kollegen mit. „Die wollten nie zum Hamelwehr und schickten stattdessen mich“, erzählt Krakowski. „Zuerst war ich etwas geschockt, ich kannte so was ja nicht.“ Er kam vom Dorf, in Flakenholz war damals „Friede, Freude, Eierkuchen“. Wovon er geschockt war, will er nicht sagen. Er verstummt, sein Gesicht wird ernst. „Die Leute taten mir zum Teil leid“, sagt der Aerzener nur.

Krakowski entwickelte eine „gewisse Liebe“ zum Hamelwehr. Nie habe er dort negative Erfahrungen gemacht, nie Polizei gesehen, nie Gewalt mitbekommen. „Die Türen waren immer offen“, erzählt er. Der junge Krakowski mochte die Bewohner. Vielleicht, weil seine Mutter ihm, geboren in Breslau, erzählte, wie sie früher als „Zigeuner oder Polacken“ beschimpft worden seien. Und die Bewohner mochten den jungen Krakowski, damals etwa 16. Kein Wunder. Wenn er in Begleitung eines brachialen Kollegen das Geld für unbezahlte Stromrechnungen einzutreiben hatte, warnte er sie einen Tag vorher. „Am Monatsletzten saßen die Männer dann zusammen und sammelten Trinkgeld für mich“, erzählt er. „Das war manchmal mehr als mein Monatslohn.“

„Freunde von außerhalb hatte ich nicht“

Hans Joachim van Son (69) meldet sich per E-Mail aus Westerngrund im Spessart. Die Serie, schreibt er, „hat mir einen Teil meines Lebens zurückgebracht“. Van Son lebte bis Anfang 1958 in einem der 1935 fertiggestellten Reihenhäuser am Hamelwehr. Seine Erinnerungen an diese Zeit bezeichnet er als „zwiespältig“.

„Ich erinnere mich daran, dass ich daheim alle Freiheit der Welt zum Spielen hatte und dadurch auch manche Blessuren davon getragen habe“, schreibt er. „Sehr gern und oft habe ich mich auf dem nahen Festplatz aufgehalten – vor allem, wenn der Zirkus anwesend war. Bei einem dieser Besuche stürzte durch einen Sturm das Zelt zusammen und begrub mich unter sich. Mir ist aber nichts passiert.“ Zum Schwimmen ging er sowohl an Töneböns Teiche als auch ins Wittekindbad. So viel zu den schönen Erinnerungen „Ich erinnere mich aber auch daran, wie man außerhalb des Hamelwehrs kritisch beäugt und ausgegrenzt wurde. Freunde von außerhalb hatte ich nicht. Als unangenehm habe ich die sanitären Verhältnisse erlebt.“

1970 ging van Son zum Studium der Betriebswirtschaft an den Bodensee. Von 1990 bis 2008 war er Geschäftsführer der Werkstätten für behinderte Menschen in Mainz. Seitdem ist er im Ruhestand.



„Ich habe meine Kindheit da verbracht“

Wolfgang Klemme (69) hat „sehr viele gute Erinnerungen“ an das Hamelwehr und nur wenige schlechte – „eigentlich nur das Plumpsklo“, sagt der Klein Berkeler. Er hat allerdings auch nie am Hamelwehr gewohnt. Seine Großeltern sowie Tante und Onkel aber sehr wohl. Sie wohnten in den Reihenhäusern. Also zog es den jungen Klemme von der elterlichen Wohnung im Ostertorwall regelmäßig ans Hamelwehr. „Ich habe meine Kindheit da verbracht“, sagt er.

Seine Großeltern väterlicherseits stammen aus West-Preußen. Nach dem Ersten Weltkrieg verschlug es sie zunächst nach Springe, dann ans Hamelwehr. Klemmes Mutter kam aus Ost-Preußen. Im Lazarett lernte sie ihren späteren Mann kennen, Klemmes Vater. In besonderer Erinnerung hat Klemme den Zusammenhalt.

Sein Großvater hatte am Hamelwehr einen Pferdestall gebaut – schwarz. Manchmal nahm er seinen Enkel mit in den Wald zum Holzrücken. Später wurden die Pferde durch Trecker ersetzt. Als die Großeltern wegzogen, übergab sein Opa dem sogenannten „Bürgermeister“ der Sinti-Familie Weiß die Schlüsselgewalt über den „Pferdestall“, in dem jetzt die Trecker standen – und ein Tankwagen mit 30 000 Liter Diesel. „So was würde es heute gar nicht mehr geben“, sagt Klemme.



„Die Jungs holten die Briketts vom Zug“

Rolf Homberg (80) aus Afferde hat damals in der Kaiserstraße gewohnt. Zum Hamelwehr war es nicht weit. Dort lebten seine Schulkameraden – und seine „Feinde“.

1943 wurde er eingeschult. Unter den 50 Schülern in seiner Klasse waren auch „einige Hamelwehr-Kinder, alleine drei Colussos“. „Damals wurde gesagt, das ist die Familie mit den meisten Kindern: 18“, erzählt Homberg. „Ob das stimmt, weiß ich allerdings nicht.“

Manchmal sah Homberg, vielleicht zehn Jahr alt, am Preußen-Sportplatz, der sich damals in der Ohsener Straße befand (heute: Stephan-Werke) beim Fußball zu. „Wenn dann auf dem Bahndamm ein Zug mit Briketts einfuhr, ging es los: Dann warfen die Jungs vom Hamelwehr mit Steinen nach den Zuschauern und holten die Briketts vom Zug“, schildert er.

Das machte Homberg & Co. natürlich neugierig. Mit ein paar älteren Jungs suchten sie das Hamelwehr auf, unterhielten sich mit ein paar Gleichaltrigen. Beim zweiten Besuch tauchte ein älterer, besonders gefürchteter Junge „mit seiner Bande“ auf. „Da haben wir aber Fersengeld gegeben!“, sagt er. In dieser Zeit lieferte er mit einem Bollerwagen auch manchmal Brot am Hamelwehr ab. „Aber bei der Brücke (die zum Hamelwehr führte; Anm. d. Red.) war Schluss“, sagt er.



„Oh, das war ein schöner Mann!“

Renate Leuschner (65) geb. Lühr, aus Einbeck bezeichnet ihre Zeit am Hamelwehr als die schönste ihrer Kindheit. Und das, obwohl sie anderthalb Jahre ans (Gips-)bett gefesselt war. Sie lebte Am unteren Hamelwehr 44-46 bei ihren Großeltern, den Pfeiffers.

„Ich weiß sogar noch die ganzen Namen unserer Nachbarn“, schreibt sie. Die Negas, die Schöns, die Harlands, die Pletzers, die Weiß’ … Namen, die auch in unserer Serie auftauchten. „Als 16-Jährige war ich sehr verliebt in Reilo Weiß“, so Leuschner. „Oh, das war ein hübscher Mann!“ Ihre Familie durfte davon nichts wissen. „Er war ja Zigeuner, und die wurden ja schlecht gemacht“, erklärt sie. „Versteh‘ ich bis heute nicht.“ Sie war oft bei ihnen zuhause und fand sie „einfach toll“. Die Serie habe sie in ihre Kindheit zurückversetzt, die sie „mit nichts in der Welt tauschen möchte“. Probleme wegen ihrer Herkunft habe sie an der Hermannschule nie gehabt. Eigentlich wollte sie später Krankenschwester werden. Aber als eine von sieben Geschwistern habe dafür das Geld gefehlt. Dafür wurde sie Apothekenhelferin. Sogar Verwandtschaft hat sie im Zuge der Serie ausfindig gemacht. Ihre Tante ist die Schwägerin von Karola Langner. Sie tauchte im zweiten Serienteil auf. Ihre Erinnerungen an das Hamelwehr teilen sie inzwischen via E-Mail.

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