weather-image
21°
×
Ein Leserbrief von veröffentlicht am 05.07.2021 um 10:14 Uhr

Zahlen genauer anschauen

Zu: „Wenn das E-Bike gefährlich wird“, vom 19. Juni


Es ist schon ein Kreuz mit den Radlern. „Jeder zehnte Radfahrer ist heute auf einem Pedelec unterwegs, aber jeder dritte getötete Radfahrer ist ein Pedelecfahrer. Das kann und darf so nicht weitergehen!

Bei Normalfahrrädern ist die Todesrate im Jahr 2020 um 14 Prozent gesunken, bei Pedelecs im gleichen Zeitraum um 22 Prozent gestiegen“. Wirklich empörend! Aber ist es das wirklich? Schauen wir uns die Zahlen doch etwas genauer an. Neun von zehn Fahrrädern sind „Normalos“, sieben von diesen neun stehen im Keller oder der Garage ‘rum und werden im Jahr kaum ein paar hundert Kilometer bewegt. Wer heute viel mit dem Rad fahren möchte, kauft sich überwiegend ein E-Bike. Und die werden fleißig gefahren!

Schauen wir uns doch an einem schönen Sonntagnachmittag auf unserem schönen Weserradweg um. Nicht nur auf der Promenade der Stadt, sondern etwas weiter weg. Da ist mehr als die Hälfte mit E-Bikes unterwegs. Es kommt nicht auf die Anzahl der Fahrräder an, sondern auf die damit zurückgelegten Personenkilometer. Und wenn man die berücksichtigt, sieht die Statistik ganz anders aus. Und wie war es bei „Michael Z., 66 Jahre, Sturz in leichter Kurve mit Kopfsteinpflaster“? Nun ja, Radfahren ist inhärent gefährlich. Das Leben ist inhärent gefährlich. Sei es beim Grillen oder beim Liegen unter dem Sonnenschirm am Strand. Man sollte die Statistik dann aber richtig machen. Wenn ich die Anzahl der Verletzungen beim Grillen oder beim Sonnenbaden auf die dabei zurückgelegten Personenkilometer beziehe, kommen erschreckend hohe Zahlen heraus. Und gehen wir mit den Zahlen richtig um? Die Pedelec-Motoren unterstützen bis zirka 25 km/h, aber mit jedem normalen Fahrrad kann man bergab leicht Geschwindigkeiten von 50 km/h und mehr erreichen. Die etwas höhere Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Ebene ist irrelevant.

Zudem sind moderne Pedelecs meist mit hochwertigeren Komponenten ausgestattet – in erster Linie Bremsen, aber auch Reifen, Federung, Schaltungen – die das Fahren einfach sicherer machen. Dass sie schwerer sind – ok. Damit liegen sie aber auch ruhiger auf der Straße. Die erhöhte Zahl der Unfälle ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass viel mehr Leute jetzt viel mehr Rad fahren, und vor allem solche, für die Fahrradfahrer jahrzehntelang nur lästige Verkehrshindernisse auf schmalen Straßen waren, und die jetzt – wieder mal auf dem Rad – glauben, sie könnten wie in ihrer frühen Jugend loslegen.

Ein bisschen Übung gehört – wie bei normalen Fahrrädern auch – halt immer auch dazu. Für Herrn Michael Z. tut es mir wirklich leid und ich wünsche ihm gute Genesung. Haben Sie nachgefragt, ob er sein „teuflisches“ E-Bike jetzt in die Ecke stellt? Ich wette, das tut er nicht. Und haben Sie eine Statistik erstellt, wieviel zusätzliche Todesfälle sich ergeben, wenn die vielen Millionen Radfahrer ihr Gefährt fortan im Keller stehen lassen und die freien Nachmittage auf der Couch verbringen? Noch mehr Couch-Potatoes, ist das Ihr Ziel?