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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 31.05.2021 um 15:49 Uhr

Wo ist die Solidarität?

Das kann jetzt wohl nicht ernst gemeint sein. Seit über einem Jahr versuchen wir als Familie mit drei Kindern (heute anderthalb, 2 und 7 Jahre alt) unsere sozialen Kontakte auf das absolute, notwendige Minimum zu reduzieren, um andere zu schützen. Seit über einem Jahr lang leben wir mit Homeschooling, Wechselmodell, monatelangen Schließungen der Kinderbetreuung, um die Alten und Vulnerablen unserer Gesellschaft zu schützen. Keine, oder nur sehr eingeschränkte Kindergeburtstage, Depressionen bei meinem dreijährigen Sohn und meiner siebenjährigen Tochter aufgrund der Einsamkeit und des fehlenden, strukturierten Alltags. Viele Konflikte beim Homeschooling, um es kurz zu fassen: ein familiäres Stresslevel auf dem absoluten Maximum. Die Freude, endlich wieder in die Schule und den Kindergarten zu dürfen und nach wenigen Wochen wieder die Enttäuschung – wieder zu. Stress für die ganze Familie, um die Kinderbetreuung trotz zweier berufstätiger Eltern irgendwie zu organisieren. Notbetreuung – Fehlanzeige – steht uns nicht zu.

Die Priorisierung bei den Impfungen machte für mich Sinn. Na klar, die Älteren müssen geschützt werden, damit wir wieder unbeschwerter leben können. Ebenso Berufsgruppen, die mit Abstand nicht arbeiten können. Mein volles Verständnis: Rücksicht nehmen, Solidarität zeigen, alles gut. Kein Neid den Geimpften gegenüber, jeder der geimpft ist, bringt uns als Gesellschaft einen Schritt nach vorne. Volles Verständnis. Und nun muss ich erfahren, dass alle die, die sich – aus welchen Gründen auch immer – infiziert haben (etliche davon auch, weil die geltenden Regeln nicht eingehalten wurden), und die, auf die wir seit über einem Jahr Rücksicht nehmen und mit denen wir solidarisch sind, jetzt Freiheiten zurückzubekommen, die wir nicht haben, und auch in den nächsten Monaten nicht zurückbekommen werden. Ein Impftermin rückt zwar näher, aber bis wir Eltern (38 und 40, ohne Vorerkrankungen) durchgeimpft sind, werden noch etliche Monate vergehen. Bis unsere Kinder geimpft werden, wird es vermutlich noch bis 2022 dauern, vielleicht auch länger.

Ist das jetzt wirklich Ihr Ernst, unsere Solidarität mit Füßen zu treten und Gesetze zu erlassen, um Freiheiten zurückzugeben an die, die wir so lange schon zu schützen versuchen? Wo sind unsere Freiheiten, wann dürfen meine Kinder wieder ein freiheitliches Leben führen, die ganz normale Öffnung der Kinderbetreuung würde uns schon reichen. Wo ist die Solidarität der Älteren jetzt für uns? Ist die Lösung wirklich, dass wir uns jetzt infizieren, damit wir schnell, nämlich nach zirka drei Wochen Quarantäne und mit zu erwartenden milden Verläufen der Krankheit, diese Freiheiten zurückgewinnen? Das kann doch nicht wirklich Ihr Ernst sein!