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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 23.07.2021 um 10:57 Uhr

Weltfremd

Zu: „212 000 Euro für 80 Meter“, und zu „Hürden fürs Radfahren sollen fallen“, vom 23. Juni, sowie zu „Neuer Radweg ist kurzes Vergnügen“ und „Politik: Fahrradnetz schnell ausbauen“, vom 24. Juni


Ich (56, Diplom-Kaufmann) bin seit einem halben Jahrhundert begeisterter Radfahrer. Addiere ich meine Tachostände, komme ich auf über 100 000 Kilometer, also mehr als zweieinhalb Mal nur mit Muskelkraft (nicht mit Kohle- oder Atomstrom betriebenem Elektroantrieb) um die Erde gefahren, das meiste davon im Stadtverkehr geradelt. Einen Führerschein habe ich nie gemacht, ein Auto nie besessen, die Umwelt damit nie belastet. Um meine knapp 70 Kilogramm Körpergewicht durch die Gegend zu schaukeln, möchte ich nicht über eine Tonne Blech und Stahl energieaufwendig und umweltschädlich mitbewegen. Ich freue mich zwar (bis auf Ausnahmen) über den Ausbau der Fahrradinfrastruktur, behaupte aber, dass man damit den Klimawandel gar nicht aufhalten kann.

Wir leben in einer sehr schnelllebigen, ungeduldigen und bequemen Zeit, in der der Verkehr immer schneller und die Menschen immer bequemer werden. Und ausgerechnet da wird nun zum Umstieg vom Auto auf das (neben Kinderwagen und Rollstuhl) langsamste und unbequemste Fahrzeug geblasen? Das widerspricht sich und wird deswegen auch nicht funktionieren. Pandemie und Klimawandel werden durch menschliche Schwächen am Laufen gehalten. Anders als bei Corona kann man den Klimawandel nicht einfach wegimpfen, bei ihm muss man schon mal seine Schwächen (vor allem Bequemlichkeit) überwinden, was eher unrealistisch ist. Was bisher im Stadtverkehr auf kurzen Strecken schon nicht klappte, wird auf langen
Strecken landkreisweit erst recht nicht funktionieren. Nur weltfremde Traumtänzer (wie unsere Politiker) glauben daran, ich nicht. Dass man insbesondere in einer Rattenfängerstadt auf die süßen Töne von Umweltschützern, Stärkung des Radverkehrs rette die Umwelt, hereinfällt und dies auf Gartenbiegen- und brechen in die Tat umsetzt, wundert mich nicht. Wenn in anderen Städten Fahrradstraßen entstehen, muss man die in Hameln natürlich auch haben, egal, ob sie sinnvoll sind oder nicht.

Ich wünschte, man hätte in Hameln im Falle des Bürgergartens ausnahmsweise mal vernünftiger gehandelt als die Mitläufer andernorts. Aber Rattenfängerstadt ist und bleibt eben Rattenfängerstadt. Nach dem Bürgergartendrama habe ich nun auf eine übertrieben radikale, zerstörerische Umweltpolitik, in der der Bär los ist, keinen Bock mehr. Weltverbesserer, die die Welt zerstören, haben wir schon genug gehabt. Davor kann man nur warnen!