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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 07.03.2021 um 18:02 Uhr

Zu: „Schnelle Impfungen für Ärzte und Erzieherinnen“, vom 23. Februar

Stereotype Geschlechterbilder

Gestern in einem Gespräch mit meinen Eltern berichtete ich enthusiastisch: „Habt ihr schon mitbekommen? Anne Will und Klaus Kleber gendern jetzt! Ihr habt mich bestimmt immer ein bisschen für bescheuert gehalten, dass ich nicht mehr Schüler sage, sondern Schüler*innen (mit hörbarer Lücke, genannt Gender-Gap).

Aber jetzt kommt das Thema, glaube ich, langsam in der Mitte der Gesellschaft an!“ Meine Mutter antwortete darauf verhalten: „Also, ich kann mir schon vorstellen, dass das wichtig ist, aber ehrlich gesagt habe ich das auch noch nicht so richtig verstanden, warum man das jetzt macht.“ Es gelang mir gestern leider nicht besonders gut, das Gendern im Sprachgebrauch zu erklären. Zum Glück fiel mir heute Morgen aber die Dewezet in die Hände, und auf der Titelseite war das Problem ganz offensichtlich zu sehen: „Schnelle Impfungen für Ärzte und Erzieherinnen“ stand dort als Überschrift auf der ersten Seite. Das machte mich ein bisschen sauer. Warum? Das generische Maskulinum ist eine Besonderheit der deutschen Sprache. Es bezeichnet die Nutzung maskuliner Personenbezeichnungen als geschlechtsneutrale Bezeichnungen. Also wenn zum Beispiel mit dem Wort Redakteure alle weiblichen, männlichen oder nonbinären Personen gemeint sind, die diesen Beruf bei einer Zeitung innehaben. Diese sprachliche Tradition stammt leider daher, dass in früheren deutschen Rechtstexten oder Berufsbezeichnungen auch wirklich ausschließlich Männer gemeint waren. Die Tradition des generischen Maskulinums, welches beide Geschlechter meinen soll, ist deshalb auch noch nicht besonders alt, sondern hat erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts Eingang in die deutsche Germanistik gefunden.

Problematisch ist die Nutzung des generischen Maskulinums unter anderem, weil es eine enge kognitive Kopplung zwischen maskulinem Genus und männlicher Assoziation gibt. Bei dem Wort Arzt stellen sich die wenigsten Menschen eine Frau im weißen Kittel vor, das wurde vielfach wissenschaftlich bewiesen. Wenn nun eine Zeitung titelt: „Schnelle Impfungen für Ärzte und Erzieherinnen“, werden konservative Geschlechterrollen reproduziert und Kinder wachsen weiter mit der stereotypen Vorstellung auf, dass sie als Mann Arzt werden können und sollten und als Frau eben Erzieherin. Auch wir Erwachsenen erneuern immer wieder unsere stereotypen Vorstellungen der Geschlechterrollen unbewusst. Das haben wir ja eigentlich längst überwunden, schließlich sind im Jahr 2020 fast 63 Prozent der Medizin-Studierenden weiblich und der Trend ist weiterhin steigend.