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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 11.01.2021 um 11:59 Uhr

Polizei verdient sympátheia

Simples Gut-Böse-Schema

Zu: „Auf Streifzug mit dem Kamera-Auge“, vom 19. Dezember

Herr Dr. Stiegler hat sich zu Aussagen verstiegen, die unsere Bildungsgruppe „Preußische Schutzpolizei in der Weimarer Republik“ nicht unwidersprochen lassen möchte. Der hier halbvergötterte Walter Ballhause hat mitnichten, wie wir meinen, spontan fotografiert. Ihm war an Arrangements gelegen. Davon zeugt das Foto mit der entlarvenden Unterschrift „Die Polizei steht rechts“. Die hohe Suggestionskraft, die Stiegler hier Ballhause attestiert, zeigt sich da-rin durchaus. Der Fotograf will dem Betrachter etwas suggerieren, keineswegs zur eigenen Urteilsfindung bewegen: links die Guten, eingeschüchtert und unterdrückt, rechts die Bösen, herrisch, lauernd, unterdrückend. Kommentare wie dieser sind ohne Wert, weil sie auf populistischem Moralisieren statt geschichtswissenschaftlichem Analysieren fußen.

Der Artikel lahmt an einer schwerwiegenden Missachtung einer elementaren Grundlage geschichtswissenschaftlichen Arbeitens, der Quellenkritik.

Wer hat warum und unter welchen Kontextbedingungen die Quelle erstellt? Welche Perspektive mit welcher Interessenlage und mit welchen Einschränkungen begegnet uns dort? Walter Ballhause dürfte, wie sein Lebensweg zumindest dringend vermuten lässt, ein Interesse an einem simplen Gut-Böse-Schema gehabt haben. Schließlich war er Mitglied der marxistischen und demokratiefeindlichen SAP und KPD. In der DDR, dem zweiten Unrechtsregime auf deutschem Boden, verlieh ihm die Obrigkeit die Ehrenmitgliedschaft des linientreuen Verbandes Bildender Künstler. Diese Hintergründe nennt Dr. Stiegler nicht. Stattdessen übernimmt er kritiklos das simple Gut-Böse-Schema für das eigene Urteil.

Nicht minder problematisch ist der arg vereinfacht konstruierte Ursachenzusammenhang: Aus der anrüchig gemachten Allianz Polizei, Reichswehr und Verwaltung ließe sich bereits die Beteiligung von Polizeieinheiten (wir sprechen bewusst nicht von „der Polizei“) am Völkermord erahnen. Es ist verständlich, der emotionalen Belastung im Angesicht der Gräueltaten entfliehen zu wollen und sich durch einfache Kausalverbindungen vermeintliche Erkenntnisse und damit auch emotionale Distanz zu verschaffen. Doch das verbietet sich für Historiker! Sie müssen den verästelten Strängen von Kontinuität und Diskontinuität nachspüren und mit Widersprüchen zurechtkommen.

Neben den großen Mühen der alltäglichen Polizeiarbeit mussten die Polizisten der Weimarer Republik dort ihre Köpfe für den Erhalt des demokratischen Staates hinhalten, wo andere sich wohlfein hinter ihre Schreibtische zurückgezogen hatten und es stattdessen vorzogen, in zynischen Artikeln usw. mit den Missständen gleich auch die Republik zu diskreditieren. Ihre Namen zieren heute Straßen und Universitäten. Nicht nur deshalb verdient die Polizei das griechische sympátheia, also das Mitfühlen des Menschen mit dem anderen. Darum bemüht sich unsere Gruppe, was Achtung wie Distanzierung vereinen kann.

Wer auf die Geschichte mit dem anklagenden Zeigefinger zeigt, auf den weisen fünf Finger zurück. Artikel wie dieser nähren bei Menschen, die für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit empfänglich sind, das Vorurteil, „die“ Polizei und alle Polizisten seien rechtsextrem und übten Unterdrückung und mörderische Gewalt aus. Das zu verhindern, ist Aufgabe für uns alle in der Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart.