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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 01.02.2021 um 15:56 Uhr

Zu: „Jugendamt will neue Wege gehen“, vom 12. Januar

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Zur Erziehung eines Kindes benötigt man ein ganzes Dorf!“ Insofern ist das Jugendamt mit seinen neuen Ansätzen auf der richtigen Spur.

Eine Gesellschaft, die es gewohnt ist, Erfolge politischen Handelns in Bruttosozialprodukt zu messen, verliert allzu schnell den Blick auf das Wesentliche, den sozialen Zusammenhalt. Der Besitz eines stets auf Hochglanz gewienerten SUV steht dann in der Prioritätenliste ganz oben, man protzt gern mit Fotos von umweltzerstörenden Kreuzfahrtschiffen, ist aber oft genug am Schicksal seines Nächsten nicht interessiert.

Man igelt sich besser in seine Wohlstandsrefugien ein, um das umliegende Elend nicht sehen zu müssen. Aber ist das Leben, den Wert einer Freundschaft auf wirtschaftliche Verwertbarkeit zu reduzieren?

Am Oberegomanen in den USA wird uns derzeit vorzüglich demonstriert, wie schnell die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Was aber im Artikel nicht ausgeführt wird, ist die Tatsache, dass die Kindheit und Jugend lediglich den Beginn eines Lebens beschreiben. Wer da so richtig in die Scheiße gefasst hat, bleibt meist ein Leben lang gezeichnet. Mit Mut und Zuversicht ins Leben zu starten, setzt ein emotional verlässliches und gut meinendes Zuhause voraus.

Um auf das Sprichwort vom Anfang zurückzukommen, ist dieses Zuhause nicht nur beschränkt auf das Elternhaus, sondern hier kommen auch Verwandte, Nachbarn und eben auch Vereine ins Spiel. Defizite, die es vielleicht im Elternhaus gibt, können so mit Glück ausgeglichen werden. So mancher Jugendgruppenleiter oder Trainer hat aus meiner Sicht einen fetten Orden verdient. Sie haben mehr für die Gesellschaft getan als all die Geldraffer, die unnötigerweise in den öffentlichen Medien noch hofiert werden.

Wir beklagen die Zunahme manifester seelischer Erkrankungen, die Zunahme von Drogenabhängigkeit etc. Ich habe aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit viele betroffene Menschen kennengelernt. Niemand war darunter, der seine Kindheit als glücklich oder zumindest als zufriedenstellend bezeichnen würde. Es stehen immer traumatische Erlebnisse dahinter. Insofern wird uns mit den Schicksalen dieser Menschen die Fratze einer selbstsüchtigen kaputten Gesellschaft vorgehalten. Wir haben es in der Hand den Totentanz weiterzuführen oder aber die Dinge grundlegend zu ändern. Das Jugendamt macht sich hier auf einen guten Weg. Und wenn wir, wie wir es gewohnt sind, alles in monetären Dimensionen betrachten, ist es ein lohnender Weg. Die Kosten der Jugendhilfe machen nur einen Bruchteil der Kosten aus, die diese zerstörten und bemitleidenswerten Menschen im Laufe ihres gesamten Lebens verursachen. Polizei, Justiz, Medizin, Psychiatrien und auch soziale Hilfen erfordern einen enormen Aufwand, um mit den Folgen einer zerstörten Kindheit umzugehen.

In der Sozialarbeit hat man diese Zusammenhänge, wie im Artikel beschrieben, tatsächlich bereits in den 70er Jahren, vielleicht auch schon früher, erkannt. Aber wie so oft, hängt die Politik im Handeln den Erkenntnissen ein halbes Jahrhundert hinterher, es sei denn, es geht darum, Banken oder Großkonzernen den Arsch zu retten, da ist man in der Lage, quasi über Nacht zu entscheiden.