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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 04.06.2021 um 09:48 Uhr

Jüdisches Leben in Hameln wird ignoriert

Zu: „Jüdisches Leben in Hameln“, vom 19. Mai


Von dem jüdischen Psychoanalytiker Sigmund Freud stammt folgende These: „ Das Nichtgesagte (Unbewusste) ist das Ehrliche.“ Es scheint, dass Herr Henke (wohl unbewusst) dieser These gefolgt ist, indem er zum oben genannten Artikel die alte Synagoge der jüdischen Gemeinde in Hameln stellte, welche in der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 völlig zerstört wurde und damit das gesamte jüdische Leben in Hameln vernichtet wurde. Das ausgewählte Bild mit Text sagt also aus, dass es bis heute kein jüdisches Leben in Hameln gibt. Diese Wahrnehmung bleibt in der gesamten Darstellung des o. g. Anliegens bestehen. Sie wird auch nicht von Herrn Gelderblom entkräftet, der inzwischen Vorsitzender seines gegründeten Vereins „Regionale Kultur- und Zeitgeschichte“ ist, sondern eher noch verstärkt, indem er, was „jüdisches Leben in Hameln“ angeht, inhaltlich auf bewährte „alte Konzepte“ zurückgreifen will. Stelltafeln aus acht Jahrhunderten – aus schon vorhandenen Ausstellungen – sollen „jüdisches Leben in Hameln“ erneut sichtbar machen in Form eines „Rundganges“ im „Hamelner Münster St. Bonifatius“. Dass ausgerechnet eine christliche Kirche für den Kurator zwingend notwendig für seine Ausstellung ist, begründet er unter anderem mit seiner „pädagogischen Keule“, dass „christlicher Antijudaismus“ Hitler ja erst möglich gemacht habe, worüber die Kirche nachzudenken hätte.“ Dazu muss man wissen, dass der „Antijudaismus“ ausschließlich eine „theologische Auseinandersetzung“ darstellt, in der es um das Thema Konfessionen/Religionen geht. Auch Luther hat in seiner Zeit diese „Antijudaismus-Debatte“ kompromisslos geführt, als es ihm um die Zwangsmissionierung der jüdischen Menschen ging, was ihm nicht gelang. Aus Ärger und Wut darüber rief er zum „Judenmord“ auf. Mit anderen Worten: Wären „die“ Juden Christen geworden, hätte auch Hitler sie nicht umgebracht. Das meint: „christlicher Antijudaismus“, mit dem Herr Gelderblom den Kirchenvorstand zum Nachdenken bringen möchte. Dass dieser nachdenken wird, was die Ausstellung angeht, da bin ich mir sicher, weil die 12. Synode der EKD im November 2016 unter anderem einen Beschluss gefasst hat, in dem es um Aussagen Luthers bezüglich seiner „Judenmission“ geht. Diese neuen Erkenntnisse sind rechtsverbindlich umgesetzt.

Aber auch die Stadtverwaltung der Stadt Hameln zeigt – rein sachlich gesehen – kein Interesse daran, sich dem Thema „Jüdisches Leben in Hameln“ ernsthaft zuzuwenden, da sie das „jüdische Leben“ rund um die neue Synagoge in Hameln ignoriert. Denn „jüdisches Leben“ in Hameln ist wieder da – am „Synagogenplatz“ der neuen Synagoge in Hameln und überall. Selbst in der Presse wird das aktuelle jüdische Leben in Hameln in dem oben genannten Bericht nicht erwähnt. Dieses Verhalten von Ignoranz und das bewusste Übersehen vorhandener jüdischer Aktivitäten hat einen Namen: „Verdeckter Antisemitismus“. Er ist allgegenwärtig – und hat viele Gesichter. Er egalisiert, verharmlost Geschichte, ignoriert auch neues jüdisches Leben und verstärkt – so ganz nebenbei – das Ansehen von Menschen, die vom Nationalsozialismus tief überzeugt waren. Für Hameln stehen da zwei „Frauen“: Agnes Miegel, Elisabeth Selbert und als Objekt: der Bückeberg – ein Paradebeispiel des gelebten NS-Staates.