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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 19.07.2021 um 10:48 Uhr

Geringe Nachfrage nach Kuren hat mehrere Gründe

Zu „Hoffnung auf klassiche Kurgäste wächst“, vom 10. Juli


Es war überfällig und richtig, dass der Gesetzgeber die Ambulante Vorsorgeleistung, landläufig auch „Kururlaub“ oder kurz Kur genannt, wieder zur Pflichtleistung und nicht wie bisher zur Ermessensleistung der gesetzlichen Krankenversicherung gemacht hat. Es ist indes mehr als fraglich, ob sich für unser Bad Pyrmont hierdurch irgendetwas zum Besseren wenden wird. Denn: Schon zuvor hatte die große Mehrheit der Krankenkassen diese Leistung in ihren Satzungen mit einer Kostenübernahme für die Arztkosten und die medizinischen Anwendungen. Und: einem Zuschuss von bis zu 16 Euro pro Person und Tag für Unterkunft und Verpflegung. Hieran wird sich voraussichtlich durch das neue Gesetz auch nichts ändern (Quelle: Bundesratsdrucksache 511/21).

Die geringe Nachfrage nach Kuren in „klassischen“ Kurorten wie Bad Pyrmont hat mehrere Gründe: Der Zuschuss ist für Einzelpersonen und auch für Paare viel zu gering für eine auch nur annähernde Deckung der Kosten für Unterkunft und Verpflegung. Was bekommt man in Bad Pyrmont für zirka 30 Euro? Der gleiche Zuschuss ist jedoch im Ausland, beispielsweise in Polen oder Tschechien, umgerechnet viel mehr wert.

Anbieter boten Kuren (vor Corona) in Kolobrzeg an der Ostsee oder in Karlovy Vary im Egerland bei zweiwöchiger Dauer mit all inclusive und mit Anreise für sehr wenige Hundert Euro an. Der Zuschuss reicht (fast) zum Begleichen der Rechnung aus. Und: Da die Arzt- und medizinischen Behandlungskosten auch niedriger liegen als hierzulande, sparte die Kasse am Ende auch noch Geld.

Ein weiterer Grund: die Kuren im Familienkreis mit mehreren Kindern. Hier lohnt sich der addierte Zuschuss schon eher: So erhält eine fünfköpfige Familie bis zu 80 Euro pro Tag. Damit kann man schon eine Ferienwohnung bezahlen. Wenn sogar Camping gemacht wird, kann man den Kururlaub sogar ganz auf Kassenkosten durchführen. Diese Art Kur wird man aber auch nicht in Bad Pyrmont machen, sondern meistens an der See. Auch hier kann unser Bad Pyrmont geographisch und klimatisch nicht mitreden. Die „Ablehnungsquote“ spielte hingegen keine große Rolle.

Im Übrigen können auch Pflichtleistungen zukünftig ebenso mit Begründung abgelehnt werden. Allerdings war und ist es schwer verständlich, eine Vorsorgemaßnahme abzulehnen, für die gemäß dem alten und neuen Gesetzestext des § 23 Sozialgesetzbuch V eine „Schwächung der Gesundheit ...“ als Grund schon ausreicht. Wer hat denn keine Schwächung der Gesundheit?

Es bleibt als Fazit leider sehr zu befürchten, dass die so dringend erwünschten klassischen Kurgäste nach wie vor wegbleiben beziehungsweise woanders hinfahren.