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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 03.09.2021 um 21:11 Uhr

Leserbrief

Fanatiker geben keine Ruhe

Zu: „USA beenden Abzug aus Afghanistan“, vom 31. August

Pazifisten jubeln: Die afghanische Armee hat der Mutter aller Verbrechen – Krieg – eine klare Absage erteilt und damit den Afghanen unzählige Tote, Verletzte, zerstörte Dörfer und Städte erspart.

Dafür sind dort nun aber leider wieder Gespenster aus der Mottenkiste an der Macht (Turban-Nazis, lächerliche Geisterbahnbetreiber, die auf mich wirken wie ein drittklassiger Karnevalsverein). Dass die Amis als selbst ernannte Weltpolizisten nun verduften, finde ich gar nicht dufte. Spätestens, wenn Flugzeuge ins Weiße Haus krachen, vergeht den Leuten dort endgültig das Lachen, sehen sie ihren Fehler ein, dass man zu früh das Land verließ. Dann wird Joe seines Lebens nicht mehr froh. Fanatiker geben in der Regel keine Ruhe, vor allem, wenn sie – wie jetzt geschehen – massiv gestärkt wurden: Umfangreiche militärische Ausrüstung (nicht nur kugelsichere Westen), die der Westen der afghanischen Armee zum Kampf gegen die Taliban lieferte, ist nun in deren Händen und kann sich gegen den Westen wenden. Damit hat sich 20 Jahre Warten für die Taliban massiv gelohnt.

Warum sie nun so schnell wieder an die Macht kamen, erkläre ich mir mit folgenden Phänomenen. Das eine kann man in dem Westernklassiker „12 Uhr mittags“ beobachten: Bei der Rückkehr von Banditen in ein Westernstädtchen stecken die Einwohner die Köpfe in den Sand, verweigern dem Sheriff die Hilfe und raten ihm zur Flucht. Weil er mutig und standhaft die Banditen alleine unschädlich macht, gilt dieser Film als Lehrfilm und wurde hierzulande in Schulen gezeigt. Leider sieht die Realität oft anders aus: Am Hindukusch kuschten alle vor den Bösewichten, auch Polizisten und Soldaten. Ein weiterer Grund für den Blitzerfolg der Taliban ist das Phänomen, dass der Bevölkerung oft die eigenen Unterdrücker lieber sind als fremde Befreier. Das sahen wir zum Beispiel bei Napoleon, im Zweiten Weltkrieg, in Vietnam. Dass Merkel und Biden diese Phänomene nicht bedacht haben, zeugt von deren Weltfremdheit. Beiden traue ich zu, dass sie obigen Film nicht gesehen und im Geschichtsunterricht gepennt haben.

Wenigstens hat der Westen ein Volk 20 Jahre lang vor Verbrechern beschützt. In dieser Zeit wuchs eine ganze Generation in Freiheit und Demokratie auf, was sie bestimmt nicht so schnell vergessen wird. Wer einmal Freiheit geschmeckt hat, will nie mehr ohne sie leben. Das ist ein erfreuliches Gegengewicht zur Schulung von Islamisten in Nachbarländern wie Pakistan und ein wertvoller Beitrag zur Erhaltung von Menschlichkeit in der Welt. Wäre die Nato nun nicht abgehauen, würde man ihr mehr vertrauen. Man hätte besser so lange dableiben sollen, bis auch die meisten Taliban ein Fall fürs Altersheim geworden wären. Das afghanische Volk war noch nicht reif genug, um allein gelassen zu werden. Es hat daher seine Chance auf ein besseres Leben nicht genutzt.