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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 07.06.2021 um 11:38 Uhr
aktualisiert am 07.06.2021 um 16:50 Uhr

„Family first!“

Bisweilen reibt man sich beim Blick in die Zeitung verwundert die Augen. Frau Wulf stellt fest: „Die Pandemie hat gezeigt, dass die Themen Kinder und Familie vernachlässigt wurden!“ Wow, es bedurfte also der Pandemie, um festzustellen, dass Kinder und Familien staatlicherseits vernachlässigt werden. Nun ja, das mag vielleicht für eine Partei, in der das Bremserhäuschen stets überbesetzt ist und die bisher sich eher darum kümmerte, dass die Schnittstellen zwischen Politik und Wirtschaft stets gut „geschmiert“ sind, in der Tat etwas Neues sein. Immerhin hat die CDU das bei weitem höchste Spendenaufkommen aus der Wirtschaft. Nun also will diese große Partei, in die sich zugegebenerweise auch ehrenhafte Menschen verirren, unbedingt etwas für Kinder und Familien tun.

Welche neue Erkenntnis hat die Pandemie gebracht? Dass das Bildungssystem chronisch unterfinanziert ist, dürfte keine neue Erkenntnis sein. Ebenso nicht unbekannt ist, dass die Pädagogik hierzulande es noch nicht geschafft hat, die Prinzipien Bbismarck’scher Zeiten zu überwinden. Die Erkenntnisse zeitgemäßer Lernforschung finden nur tröpfchenweise Zugang zu den Institutionen. Ebenso pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass Kinder zu haben, eines der größten Armutsrisiken ist. In Berlin zum Beispiel kommen bereits 27 Prozent aller Kinder aus sogenannten „Hartz IV-Familien. Ich frage mich also, was genau hat sich durch die Pandemie an neuen Erkenntnissen gezeigt? Sämtliche Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt und wurden durch die Politik, die ebenso lange CDU-dominiert ist, mit Achselzucken zur Kenntnis genommen. Nun, Hartz IV-Bezieher sind eben keine bedeutenden Partei-Spender.

An dieser Stelle kommt man zu der Frage, wie definiert sich die Aufgabe von Politik? Wenn ich die Medien betrachte, finden Themen aus der Wirtschaft stets großen Niederschlag im Gegensatz zu Themen, die die Lebensrealität von Bürgern betreffen. Aber an welcher Stelle sollte Wirtschaft stehen? Vornean? Oder sollte der Wirtschaft eher eine dienende Funktion zugeschrieben werden. Eine Funktion, in der das nachhaltige Wohlergehen der Bevölkerung im Mittelpunkt steht und die Wirtschaft die Aufgabe hat, die Bevölkerung sowohl ausreichend mit Gütern zu versorgen als auch eine fair bezahlte Beschäftigung zu sichern. Wenn man sich bemüht, die Welt auf die Zukunft gerichtet zu betrachten, scheint mir vordringlich wichtig zu sein, zum einen gut versorgte und gebildete Kinder zu haben und zum anderen, diesen Kindern nachhaltig existenzsichernde Lebensbedingungen zu hinterlassen. Nun, bei Lichte betrachtet, hat sich die Politik beim Bewältigen dieser Aufgaben bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Auch wenn Frau Wulf das Thema Kinder und Familie mit erheblicher Zeitverzögerung für die CDU entdeckt hat, warum sollte man einer Partei vertrauen, deren Kanzlerin einst als Klima-Kanzlerin gestartet ist und die sich nun mit aller Macht nötigen Innovationen versperrt? In Anlehnung am Trump’schen Wahlspruch postuliere ich: „Family first!!!“