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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 20.08.2019 um 20:21 Uhr

Immer mehr Menschen verharren in ihren Echochkammern

Fake News von damals

Sie sind recht unterhaltsam, diese Sagen- und Gruselgeschichten. Sie geistern seit alters her durch alle Kulturen und erhoben zur jeweiligen Zeit den Anspruch auf Wahrheit – oft noch fantasiebegabt ausgeschmückt. Die früheren und in vielerlei Hinsicht noch unwissenden Menschen glaubten daran.

Zu: „Spuk aus dem Weserbergland“, vom 5. August

Für unsere Region sind in dem Buch „Wesersagen“ von Karl Paetow viele dieser Geschichten zusammengestellt. Doch was sagt uns das?

Nach meiner Meinung waren das trotz minimalstem Wahrheitskern die Fake News von damals, die anfangs von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden und später durch die Erfindung des Buchdrucks etwas an Rasanz gewannen. Als um 1720 die Epoche der Aufklärung begann, änderte sich in den eher ungebildeten Bevölkerungsschichten kaum etwas. Wie auch, denn wer hatte damals schon umfangreichen Zugang zur Weiterbildung, zumal der meist harte Alltag vom Broterwerb geprägt war.

Und heute? Die computergestützte Entwicklung der sozialen Medien ist enorm. Dadurch verbreiten sich die modernen Fake News – oft und mit voller Absicht ohne den geringsten Wahrheitsgehalt – in Windeseile. Sie werden von den eher schlichten Bevölkerungsschichten begierig aufgenommen, die damit ihre einseitigen Denkblasen auffüllen. Das wird von den intelligenteren Menschen der gleichen Denkart hemmungslos ausgenutzt, um ihre Anhänger zu manipulieren. Noch nie waren die Informationsmöglichkeiten so umfangreich wie heute – und zwar in alle Richtungen. Warum wird davon nicht mehr Gebrauch gemacht, um eine fundierte Meinung zu erlangen? Leider verharren immer mehr Menschen in ihren sogenannten Echokammern und nehmen nur das zur Kenntnis, was ihrer Einstellung entspricht. Dadurch werden sie nie in der Lage sein, Denkfehler zu erkennen, weil jegliches Korrektiv fehlt. Das kann auch bei manipulierten Wahlen zur Katastrophe führen, wie nicht nur in Amerika zu sehen ist. Was den Glauben ans Absurde angeht, haben sich viel zu viele Zeitgenossen den damaligen Menschen gegenüber kaum weitergebildet. Ebenso schlimm: Einige Leute, die jahrelang auf einem guten Weg waren, haben sich aufgrund diffuser und maximal aufgebauschter Sachverhalte rückwärts gewandt und laufen Gefahr, ins Rechtsradikale abzudriften. Und deren Zahl wird zu meinem Entsetzen immer größer.