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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 24.05.2021 um 17:15 Uhr

Eine unglaubliche Frechheit

Als ich mit Erschrecken den Dewezet-Artikel las, stellte sich mir leider sofort die Frage, ob die Verantwortlichen ihre Polizisten noch im Griff haben oder solch ein beschämendes Verhalten sogar fördern und fordern. Wenn die Aussagen der beruflichen Teamleiterin der Beschuldigten stimmen, dann ist zumindest die verbale Reaktion des männlichen kontrollierenden Polizeibeamten („Wer Angst hat, soll nachts halt nicht arbeiten“) eine unglaubliche Frechheit, die eines demokratischen Gemeinwesens absolut unwürdig ist. Wie kann man eine Frau, der deutschen Sprache noch nicht ganz mächtig, die nachts für die Citypost Briefe sortiert und dann von ihrem Mann aus Sicherheitsgründen nach Hause begleitet wird, polizeilich angehen wie eine Kriminelle, nur weil sie und ihr Mann aktuelle Coronaregeln auf dem Nachhauseweg nachts nicht eingehalten haben?

Wenn es der einzige Fall wäre, könnte man eventuell noch etwas Verständnis für unangemessenes, polizeiliches Verhalten aufbringen, aber es ist eben kein Einzelfall. Ich erinnere an die völlig überzogene polizeiliche Reaktion auf das Kaffeetrinken einer auswärtigen Besucherin mit kurzfristig heruntergezogener Maske in der Altstadt. Eine ältere Bekannte (die Anhörung läuft) wurde kürzlich bei einer Polizeikontrolle unsanft zu Fall gebracht. Und jetzt dieser Fall. Die Erklärungsversuche der Polizeisprecherin, die angibt, dass das Sicherheitsniveau im Bereich der Hamelner Polizeiinspektion deutlich über dem Landesdurchschnitt liege, klingen für mich wie blanker Hohn (ich bin selbst in der hiesigen Altstadt nachts mit einem Elektroschocker niedergeschlagen und ausgeraubt worden) und entbehren jeglicher Empathie. Auch von gestressten (männlichen) Polizisten (haben sie nichts Besseres zu tun, als nachts die arbeitende Bevölkerung zu drangsalieren?) ist ein Mindestmaß an Fingerspitzengefühl zu erwarten. Sonst nähern wir uns einem Polizeistaat, den kein vernünftiger Mensch anstrebt. Ich habe einmal gelernt: „Die Polizei, dein Freund und Helfer.“ Solche Aktionen mit einem derartigen Verhalten führen diesen Satz ad absurdum. Ist sich die Polizei(führung) dessen bewusst und/oder fehlt ihr (zumindest im Einzelfall) jegliches Fingerspitzengefühl und ein Kompass für Verhältnismäßigkeit?