weather-image
23°
×
Ein Leserbrief von veröffentlicht am 17.05.2021 um 19:05 Uhr

Diese Stadt ist nicht fahrradfreundlich

„Die Hamelner Straßen sind in den letzten Jahren Stück für Stück fahrradfreundlicher geworden“, behauptet Julian Schlensog in seinem Artikel. Nehmen wir Herrn Schlensog doch einmal mit auf eine kleine Fahrradtour durch unsere „fahrradfreundliche“ Stadt: Wir starten im Klütviertel und finden uns sogleich neben brausendem Autoverkehr auf dem verblassenden Fahrradstreifen der Klütstraße, weil wir zur alten Weserbrücke müssen. An der Kreuzung sehen wir dann zu, wie die Ampel für den Autoverkehr nicht nur schneller grün wird als unsere Fahrradampel, sondern wo auch eine Ampel reicht, während wir dreimal auf Grün warten müssen, um zum Fahrradweg auf der Brücke zu kommen. Sogar vier Fahrradampeln erwarten uns an der nächsten großen Kreuzung Münsterwall/Bäckerstraße.

Biegen wir nach rechts ab in die Mühlenstraße, das geht zügig, aber nur bis zur Hafenstraße, wo wir mitten auf die Fahrbahn zwischen die Autos müssen, um weiter Richtung Bahnhof zu fahren. Wir gelangen zur Kaiserstraße, und damit zur Mutter aller Radler-Albträume: die wichtige Verkehrsader ist für zweispurigen Autoverkehr und Radfahrer viel zu schmal, dennoch verteilen aber zivile Polizisten Radlern dort gerne Strafzettel, wenn diese sicherheitshalber den Fußweg benutzen. Für den Rückweg wollen wir daher – nach einem halsbrecherischen, weil völlig radwegfreien Abschnitt in Bahnhofstraße und Deisterallee – zu Hamelns erster Fahrradstraße, der Scharnhorststraße. Und reiben uns die Augen: Die völlig zugeparkte Straße ist für Radler sogar eine der gefährlicheren Straßen der Stadt!

Die Radtour könnte noch weiter- gehen und würde doch nicht sicherer: Selbst auf neuen Straßenabschnitten wie in der Kuhlmannstraße oder der Fahlte wurde die Situation für die Radfahrer sogar verschlechtert, die zuvor von der Fahrbahn abgetrennten Radwege wurden zurück auf die Straße gelegt. Und auch die hitzig diskutierte Verlängerung der Radtrasse durch den Bürgergarten zeigt Stadtplanung von gestern: Bevor der heiligen Kuh „Autoverkehr“ Fläche entzogen wird, wird lieber den Spaziergängern die Grünfläche gekappt.

Diese Stadt ist nicht fahrradfreundlich. Diese Stadt mit ihrem autofahrenden Oberbürgermeister und den autofahrenden Ratsmitgliedern hat noch gar nicht verstanden, was „Verkehrswende“ heißt und welche Chancen sich durch sie in unserer überschaubar kleinen und überwiegend flachen Stadt ergeben würden: für den Verkehr, für die Gesundheit, für den Klima- und jetzt auch noch den Infektionsschutz. Der Fahrradbeauftragte der Stadt, Lars Reinecke, hat herausgefunden, dass zirka 50 Prozent der Autofahrer hier eigentlich gern das Fahrrad nehmen würden, sich aber nicht trauen. Jetzt wissen Sie warum, Herr Schlensog.