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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 05.12.2019 um 23:06 Uhr

Bildung

Die Welt lässt sich nicht zwischen Buchdeckeln entdecken

Zu: „Ausgebrannt in der Grundschule“, vom 22. November
Es ist fatal, wie wenig sich die allgemeine Vorstellung von Bildung mit den wirklichen Prozessen von Wissensaneignung auseinandersetzt.

Noch immer scheint die Vorstellung vorzuherrschen, Bildung sei mit der Füllung eines anfangs noch leeren Fasses vergleichbar, aus dem man in späterer Zeit nach Belieben das Eine oder Andere zum Gebrauch wieder herausfischen könne.

Dabei steckt bereits in dem Wort „Bildung“ genau das, was Kinder für ihr Leben brauchen, nämlich in der Lage zu sein sich ein Bild zu machen von den Dingen die uns umgeben und ganz besonders, auf welche Weise sie zusammenwirken. Dabei ist die Erkenntnis umso höher, je mehr Sinne am Erkenntnisprozess beteiligt sind. Der gewöhnliche Schulunterricht blendet die Sinneserfahrungen Fühlen, Schmecken und Tasten in der Regel aus. Der Versuch, sich Wissen zu erschließen kann also nur fragmentiert bleiben, was bei den meisten Schülern natürlich die Frage nach der Substanz des Leh(e)rstoffes aufwirft. Die Welt lässt sich nicht nun mal zwischen zwei Buchdeckeln entdecken. Was anderes als Depressionen kann also diese Form des Vorbereitens auf das Erwachsenenlebens hervorrufen.

Es ist fatal mit Anforderungen konfrontiert zu sein, deren Sinnhaftigkeit man nicht erkennt. Zudem ist die Erwerbswelt heute weitgehend entkoppelt vom privaten, familiären Leben. Nach den Tätigkeiten von Eltern befragt, wissen Kinder oft nichts Genaues. Die Vorstellung von einem zukünftigen Erwachsenenleben bleibt nebulös. Menschen möchten eingebettet sein, in erzählten und erlebten Geschichten, persönlichen, familiären und gesellschaftlichen, aus denen sich Zukunft entwickeln lässt. In einer mit maximalem materiellem Wohlstand ausgestatteten Welt bleiben Kinder auf eklatante Weise unversorgt, indem ihnen echte Teilhabe verweigert wird. Zaghafte Versuche, wie der Zukunftstag haben allenfalls den Charakter gekünstelter Wirklichkeit und bieten kaum reale Erfahrungen. Die Gnade meiner frühen Geburt und meiner Kindheit auf dem Lande gab mir ausreichend Gelegenheit, die Defizite des Schulunterrichtes auszugleichen, sowie ausgiebig am Erwachsenenleben teilzuhaben. Heute bietet sich Kindern oft genug nur die Erfahrung von Umwelt durch die Zweidimensionalität von Bildschirmen. Die einst von der Natur zum Überwinden langer Wegstrecken ersonnenen Gesäßmuskeln verkommen zu Sitzpolster. Natürlich ist hinreichend bekannt, dass seelische Gesundheit sich nicht aus sich selbst heraus generiert, sondern sich schöpft aus der Erfahrung, innerhalb des sozialen Umfeldes eine wie auch immer geartete wichtige Rolle zu spielen.

Wenn Kindheit die Vorbereitung auf das Erwachsenenleben bedeutet, dient Erziehung im Wesentlichen der Rollenfindung, sucht Antworten darauf, wer ich bin und wer ich werden möchte und bietet im ausreichenden Umfang Möglichkeiten in einem wohlwollendem Umfeld Erfahrungen zu sammeln. Angesichts einer grassierenden Wohlstandsverwahrlosung brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Kinder zunehmend psychische Symptome entwickeln, weil ihnen das, was sie wirklich brauchen vorenthalten wird.