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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 19.07.2021 um 10:50 Uhr

Die Vorstellung vom gerechten Ausgleich ist trügerisch

Zu: „Moderner Ablasshandel?“, vom 25. Juni


Natur zu verkaufen! Ich danke der Dewezet dafür, dass sie dieses wichtige Thema aufgenommen hat, das auf den ersten Blick doch so ganz einfach daherkommt, denn mit dem „Kompensationsflächenpool“ scheint eine dramatisch wichtige Aufgabe unserer Zeit hervorragend gelöst zu sein – und zwar mit einer scheinbar einfachen Vorschrift: Wird wegen unvermeidbarer Baumaßnahmen Natur zerstört, muss an anderer Stelle gleichwertiger Ersatz geschaffen werden.

In der Praxis zeigt sich aber, dass die Vorstellung vom gerechten Ausgleich trügerisch ist, obgleich er doch in seiner raffinierten Schlichtheit sofort überzeugen kann. Das Problem ist die Realität. Ich erlebe das täglich an der Schillerstraße in Bad Pyrmont, auf der Höhe von Rewe. Dort wurden vor zwei Jahren „Grünflächen“ als Ausgleich für die Beseitigung von zwei Bäumen geschaffen. Das wurde mir jedenfalls vor zwei Jahren so gesagt. Damals erhielten die Flächen eine erste Bepflanzung. Anschließend wurden sie sich selbst überlassen und seit dem Frühjahr 2021 sind die Randflächen eine reine Wüste. Und hier zeigt sich das grundsätzliche Problem: Die in einem Bauplan vorgesehenen „ökologischen Ausgleichsmaßnahmen“ entziehen sich der demokratischen Kontrolle, zum Beispiel, weil sie (bewusst?) ungenau formuliert werden. Dazu nenne ich das in Bad Pyrmont aktuelle Bauvorhaben „Feuerwehrhaus auf dem Gondelteich-Parkplatz“. Die Verwaltung beabsichtigt, an dieser Stelle erheblich einzugreifen in eine ökologisch gut funktionierende Natur, die für uns und unsere Kinder essenziell ist. Dafür soll bei Baarsen ein vom Sturm und vom Borkenkäfer zerstörter Wald wieder aufgebaut werden. Das klingt beruhigend. Es kann also alles wieder geheilt werden wie bei einer Wunde? Von einer Win-win-Situation sprechen die Händler, die mit diesen „Ökopunkten“ unverschämt gutes Geld verdienen. Und welches Ergebnis kommt für die Natur dabei heraus? Da genügt ein Blick auf die oben genannte Verkehrsinsel auf der Schillerstraße. Es reicht nach dem Naturschutzgesetz, wenn auf dem Papier eine Wiederherstellung beschrieben wurde und wenn der Bauherr sein Geld dafür entrichtet hat. Gut für den Bauherrn, besonders wenn er gleichzeitig der Empfänger des Geldes ist wie die Kommune beim Feuerwehrhausbau! Für sie kostet es deshalb gar nichts! Na ja! Nur die Natur am Gondelteich ist halt erheblich beeinträchtigt. Man kann eben nicht alles haben! Und immerhin verspricht die Kommune ja, ein zirka 4000 Quadratmeter großes Waldgrundstück ökologisch aufzuwerten. Wann? Sie fängt damit an, wenn das Feuerwehrhaus fertig ist, das heißt, wenn voraussichtlich zehn Jahre lang die Natur am Gondelteich schon gelitten hat. Und wie viel Bäume werden gesetzt? In welchen Abständen werden die jungen Pflänzchen gepflegt? Woher kommen die Ressourcen dafür? Darauf habe ich keine Antwort erhalten. Dieses Beispiel zeigt, dass ohne eine gesetzlich vorgeschriebene längerfristige Kontrolle der versprochenen Maßnahmen die Natur und ein gesundes Klima auf der Strecke bleiben. Und was sagen die Grünen dazu, der NABU, der BUND? Ich habe nichts gehört. Und so bleibt der Klimaschutz etwas für engagierte Jugendliche der „fridays-for-future“-Bewegung.