weather-image
23°
×
Ein Leserbrief von veröffentlicht am 28.05.2021 um 23:10 Uhr

Die neu erlangten Freiheiten sind kein Privileg

Endlich haben einige Menschen wieder ein neues Feindbild: die Freiheit der Geimpften. Wie schön, dass man einen „Nebenkriegsschauplatz“ hat, denn hier können sich viele der noch Ungeimpften so richtig austoben und Solidarität einfordern. Simples Motto: Wenn ich als Ungeimpfter noch nicht frei sein kann, dann dürfen es komplett Geimpfte und Genesene auch nicht, basta! Seltsam in diesem Zusammenhang ist, dass die Fahne der geforderten Solidarität heftig geschwenkt wird, bei anderen zum Teil schon jahrelang bekannten und schlimmeren Ungleichheiten aber nur – wenn überhaupt – ein müdes A…runzeln verursacht. Beispiel: Vor der Finanzkrise haben gewisse Banken horrende Boni und Dividenden ausgezahlt, nach dem Crash jedoch mussten die Steuerzahler für Milliardenschäden aufkommen. Das Gemurre in der Bevölkerung war groß, verebbte aber ohne große nachhaltige Wirkung. Schräger kann erzwungene Solidarität nicht sein.

Es gab und gibt noch sehr viele andere Fälle, in denen man den fehlenden Zusammenhalt bemängeln kann. Aktuell: Warum erhalten die Ärzte im Impfzentrum nach meinem Kenntnisstand pro Stunde 150 (!) Euro, während die impfenden Hausärzte mit erheblich weniger Geld auskommen müssen, aber viel mehr Arbeit haben? Wo ist da die Solidarität der Ärzte untereinander? Scheinbar reicht es für viele Bürger, wenn sie ihre simplen Sündenböcke haben, dann müssen sie sich nicht um Ungleichheiten größeren Ausmaßes kümmern.

Übrigens: Ich erhalte, wenn alles gutgeht, meine zweite Impfung erst am 16. Juli, bin also mindestens noch acht Wochen ebenfalls in meiner Freiheit eingeschränkt. Dennoch würde es mir nie einfallen, diese Einschränkung aus einem verqueren Solidaritätsgedanken auch für die Gesunden einzufordern. Im Gegenteil, ich freue mich über jeden Menschen, der gesundheitsbasiert seine Freiheiten zurückerhält. Klar, wir leben in einer schweren Zeit, doch wir alle sollten uns davor hüten, einschränkende Solidarität von Menschen zu fordern, die nicht oder nicht mehr von Corona betroffen sind. Damit ist absolut keinem der noch Betroffenen geholfen. Außerdem sind die neu erlangten Freiheiten kein Privileg, sondern simple Grundrechte. Nebenbei gesagt würde niemand, dem der Blinddarm entfernt werden muss, das aus Solidarität auch von seinem völlig gesunden Nachbarn verlangen.

Ein Wort noch an die jüngeren Leute, die erst später mit der Impfung dran sind: Ihr habt noch so viele Jahre vor Euch, um einiges nachzuholen. Habt also Geduld und lasst uns Alten die wiedererlangten Freiheiten, denn wir haben diese Menge an Zeit nicht mehr. Und so gut, wie es euch heute trotz der Einschränkungen geht, ging es uns in unserer Jugend in der viel schwereren Kriegs- und Nachkriegszeit längst nicht.