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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 14.10.2019 um 14:56 Uhr

Die Grundrechte gelten auch in der katholischen Kirche

Zu: „‚House of Cards‘ unter dem Kirchendach“, vom 27. September

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie möchten in einen Verein oder eine Partei eintreten, weil Ihnen deren Ziele und das inhaltliche Angebot zusagen. Dann erfahren Sie, dass satzungsgemäß festgelegt ist, dass Frauen darin keinerlei leitende Ämter ausüben dürfen. Natürlich dürfen die Frauen zu den Versammlungen gehen, sie dürfen auch das Essen dafür vorbereiten und die Tische decken, selbstverständlich anschließend das Geschirr spülen und alles wieder in Ordnung bringen. Sie dürfen sogar mitdiskutieren, Vereins- oder Parteimitteilungen an die Mitglieder oder die Bevölkerung verteilen – nur haben sie in wichtigen Fragen kein Stimmrecht, selbst wenn diese Fragen sie selbst betreffen. Und das Merkwürdigste: Der Vorsitzende sowie alle Funktionsträger, alle Verantwortungsträger dürfen nicht heiraten. Würden Sie einem solchen Verein, einer solchen Partei beitreten? Ich gehe mal davon aus, dass die meisten solche diskriminierenden Einschränkungen nicht akzeptieren und sich nach einer Alternative umsehen würden. Dieses Verhalten entspräche dem Artikel 3 unseres Grundgesetzes, wo es heißt: „(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Nur: Was sehen und empfinden die 22 Millionen katholische Christen beim Blick auf ihre Kirche? Ist die etwa ein rechtsfreier Raum? Wie ist es möglich, dass sie die Hälfte ihrer Mitglieder von der Wahrnehmung elementarer, durch das Grundgesetz unseres Landes garantierter Rechte ausschließt? Wo ist hier der Staat, der „die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern fördert und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinwirkt“? Wäre es nicht an der Zeit, „Maria 2.0“ zu einer unbefristeten Aktion zu machen, indem die katholischen Frauen ihr Mitwirken und sogar ihre Präsenz in der Kirche so lange verweigerten, bis ihnen endlich die ihnen zustehende gleichberechtigte Teilhabe am kirchlichen Leben auch wirklich uneingeschränkt zugestanden wird?

Mir scheint, dass die omnipotenten Herren der herrschenden Hälfte der katholischen Kirche nicht fähig oder nicht willens sind, eine andere Sprache zu verstehen. Wir haben das Mittelalter schon seit längerer Zeit verlassen, das dort vorherrschende Denken haben wir (auch theologisch!) spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überwunden, und eigentlich brauchten wir unsere ganzen geistigen und religiösen Energien für die Lösung der Fragen und Probleme des 21. Jahrhunderts – und nicht für die längst überholten Themen vergangener Jahrhunderte! Wir brauchten einen Aufstand für die Durchsetzung der Gleichstellung von Frau und Mann in unserem Land – und die katholische Kirche gehört dazu.