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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 15.01.2021 um 18:55 Uhr

Zu: „Ich will 120 Jahre alt werden!“, vom 6. Januar

Die andere Seite hohen Alters

Tolle Schlagzeile! Tolle Message, die Felix Lill mit seinem Beitrag über die hochbetagte Japanerin Kane Tanaka vor uns ausbreitet. Wie alles im Leben hat jedes Ding zwei Seiten.

Wollen wir wirklich 120 Jahre und älter werden? Ist das Leben dann noch lebenswert, so wie wir es kennen? Der gerontologische Fortschritt und die Medizin scheinen es möglich zu machen. Biologisch gesehen kann die Zellteilung in unserem Organismus weiter aufrechterhalten bleiben, auch über bisher bekannte Begrenzungen hinaus. Allerdings fehlt mir in dem Beitrag die Spiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Japan. Angesichts wegbrennender Lebensgewissheiten, schrumpfender Arbeitsbiografien, dem Fehlen ausreichender Rentenabsicherungen wäre die Lebensverlängerung auf 120 Jahre und mehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und nicht mehr nur der Forschung und Medizin. So gesehen hilft uns die Beschreibung von Einzelschicksalen Hochbetagter wenig. Wir brauchen eine auf Dauer angelegte Reflektion der Lebensverhältnisse unserer alten und sehr alten Menschen. Denn die Würde des Menschen (Artikel 1 Grundgesetz) ist unantastbar. Dies ist unser Wert schlechthin, dem alle verpflichtet sind.

Es stünde den Medien gut an, wenn sie kraft ihres Wächteramtes von Zeit zu Zeit von der Schere zwischen Oben und Unten, Arm und Reich und ihren Auswirkungen auf die Unantastbarkeit der Würde im hohen Lebensalter berichten würden. Angesichts der aktuellen Ereignisse und Entwicklungen müssen Ängste und Sorgen vieler Menschen in Deutschland ernst genommen werden, die nicht ausschließen können, dass sich hier, auf dem sensiblen Gebiet der Hochbetagten, eine Parallelwelt der Bessergestellten und der Eliten etablieren könnte.