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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 29.08.2019 um 20:54 Uhr

Lernort Bückeberg

Des Kaisers neue Kleider

„Hoher Besuch am Bückeberg“ oder auch „Des Kaisers neue Kleider“... Eitelkeit, Naivität und Schönfärberei sind Kernpunkte des oben genannten Märchens. Sie kennen die Erzählung? Dem Kaiser wird versprochen, ihm ein Gewand zu nähen, aus Stoffen, die nur Menschen mit scharfem Verstand sehen.

Zu: „Lernort soll bis 2020 Form annehmen“, vom 9. August
Eine trügerische Verheißung, die geradewegs ins Unheil führt. Doch schauen wir weiter. Der Regent besucht oft und gerne die Schneiderwerkstatt, beobachtet die Arbeiten und lobt begeistert, was er de facto nicht sieht. Sein einfältiges Gefolge stimmt ihm beflissen zu. „Hoher Besuch auf dem Bückeberg“ war am vergangenen Freitag in der Dewezet zu lesen. „... sehr intensive Gespräche... Alle haben sich von dem Projekt überzeugt gezeigt“. Unklar sei die Frage der EU-Fördermittel. Die Begutachtung zweier Landesämter stehe noch aus. „Die Problematik dabei: Am Bückeberg gibt es keine offensichtlichen Überreste. „Die Erinnerung ... soll erst noch optisch nachvollziehbar gemacht werden.“ Aha, da ist wohl etwas nicht zu sehen! Die Gedenkstätte „Bückeberg“ war, ist und bleibt eine Wiese. Es drängt sich die Vermutung auf, dass das „neue Gewand“ primär Geltungsbedürfnisse befriedigen soll. Der Bürger ist Randfigur des Geschehens und, wie immer, für den Ausgleich der Rechnung zuständig. Märchenhaft! Besucher mit „scharfem Verstand“, werden die historischen Zusammenhänge erkennen. Doch bedarf es der Anstrengung, für einen belesenen Personenkreis 180 000 Quadratmeter geschorener Wiese vorzuhalten, um Erinnerungen an ein perfides Volksfest zu pflegen? Geschichtsdokumente lassen die Vergangenheit intensiver und anschaulicher nachempfinden. Eine Schafweide mit imaginären Volksmassen gehört sicher nicht dazu. Ohne Vorkenntnis wird ein Besuch des Bückebergs darum nutzlos sein. Es bleibt danach die Frage nach dem Mehrwert, der eine Ortsbesichtigung oder den Aufwand des Projekts überhaupt rechtfertigt? Unter Umständen entsteht nur ein geräumiger Auslauf für vierbeinige Hausgenossen. Deren braunen Ergebnisse ihrer regelmäßigen Darmentleerung vermitteln dem Areal dann einen gewissen Anschein von Authentizität. Die Wiese allein ist eben keine Attraktion oder ein Besuchermagnet. Die geplanten Info-Tafeln werden in kurzer Zeit durch Farbspray und mit fragwürdigen Symbolik verunstaltet. Ein Bürgerinteresse wird absehbar schwinden. Es sind schon attraktivere Konzepte gescheitert. Nicht zuletzt ist jetzt ein weiterer, stets ernst zu nehmender Widersacher erschienen. Dort, wo der menschliche Verstand hadert, tritt die schützenswerte Natur auf den Plan und verbreitet „Angst um wilde Orchideen“, dem männlichen Knabenkraut. Von ehemals 2500 Exemplaren im Jahr 2011 sind heute auf dem Bückeberg noch eine Hand von übrig. Die untere Naturschutzbehörde will gegensteuern, um der weiteren Zerstörung Einhalt zu gebieten. Kann so etwas funktionieren, wenn andererseits Busse voll Besuchern auf dem Bückeberg erwartet werden? Von Überschneidungen der Gebiete ist laut Ortsbeschreibungen auszugehen. Wie soll verhindert werden, dass sich Besucher unbeobachtet in die Büsche schlagen, und dabei dem männlichen Knabenkraut zu Leibe rücken? Andererseits kann sich die Pflanze durch die jetzt besonders geschützte Vermehrung auf den zukünftigen Lernort ausbreiten und Konzepte torpedieren. Viele, zu viele Fragen lassen es ratsam erscheinen, das Projekt im geplanten Umfang nicht weiter zu verfolgen: Ist die Finanzierung über eine ausreichend bemessene Anlaufphase gewährleistet? Bleibt die Gestaltung so wenig authentisch, wie den Darstellungen der Planung jetzt zu entnehmen ist? Gibt es eine tragfähige Zukunftsprognose? Wie sieht der Businessplan aus? Gibt es einen „Plan B“, falls die Dokumentationsstätte nicht die erwartete Popularität erreicht? Und, und, und... Die entarteten Wertmaßstäbe der NSDAP haben ein ganzes Volk in den Abgrund gerissen. Geschichte darf sich nicht wiederholen. Hierzu ist es unverzichtbar Erinnerungen überzeugend wach zu halten. Der üble Beigeschmack von Projekten, die die Gefahr mit sich bringen, Vergangenheit der Lächerlichkeit preiszugeben, erinnert zunehmend an das eingangs beschriebenen Märchen. Im besten Fall wird die Dokumentationsstätte eine elitäre Veranstaltung. Menschen mit Geschichtskenntnissen und ausgeprägter Vorstellungskraft werden ein kurzfristiges Interesse entwickeln können. Den Radler auf dem Weserradweg indes wird der Umweg enttäuschen. Die reizvollere Aussicht ins Wesertal verstellt den Blick in die Vergangenheit. Das Projekt ruft unheilvolle Erinnerungen an die EWR wach und erzeugt zwangsläufig Unbehagen. Geschichte, wie auch immer, darf sich nicht wiederholen.