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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 10.12.2020 um 19:26 Uhr

Leserbrief

Denkmal ist unbedingt erhaltenswert

Es ist nicht der Vagant mit dem flotten Hütchen, der mit seinen Melodien Ratten und Kinder hinreißt und der auf Schritt und Tritt und bis zur Geschmacklosigkeit den Besuchern der Stadt präsentiert wird. Der Rattenfänger von Hans Walther am Eingang zum Bürgergarten hat etwas sehr Ernstes, ja Düsteres.

Zu: „Rettung für das Rattenfänger-Relief?“, vom 30. November

Der Künstler nähert sich dem ursprünglichen Gehalt der Sage, die ein für die Bevölkerung der Stadt schreckliches Ereignis thematisiert haben muss.

Das Relief zeigt in seiner linken Hälfte den für die Zurückbleibenden traumatischen Auszug der „Hämelschen Kinder“, mit den Ziel, irgendwo im Osten zu siedeln, und in seiner rechten Hälfte die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten am Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch wenn das Erleben von Flucht und Vertreibung 75 Jahre später nicht mehr bedrängend nahe ist, bleibt die Überwindung des Nationalsozialismus und die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne für uns eine dauerhafte Verpflichtung. Womöglich bedarf es angesichts des starken Plädoyers der städtischen Vorlage wie auch des Artikels der Dewezet für eine Erhaltung des Denkmals gar keines zusätzlichen Leserbriefs, um die Mitglieder des Rats dazu zu bewegen, am 16. Dezember die nötigen Mittel für eine Restaurierung bereitzustellen. Es sei aber doch an das Schicksal erinnert, das die übrigen drei Arbeiten getroffen hat, die Hans Walther für Hameln geschaffen hat. In den frühen 1920er Jahren gewann Hans Walter den von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerb um die Gestaltung eines Kriegerdenkmals für die Toten des Ersten Weltkriegs. Der Entwurf – in seiner Aussage eindeutig pazifistisch – zeigt den nackten Leib eines Kriegers. Realisiert wurde jedoch eine Gestaltung, welche die Veteranen des ehemaligen 164er Regiments bevorzugten. Das farbige Mosaik zeigt den germanischen Helden Sigurd, wie er das zerbrochene Schwert seines Vaters Siegmund neu schmiedet, um Rache zu üben für seinen Tod. Dieses Denkmal steht bis heute am 164er Ring. Vom Entwurf Hans Walthers hat sich nur ein Foto erhalten.

Bevor die Garnisonkirche zur Stadtsparkasse wurde, befand sich in ihrem Obergeschoss ein Saal mit über 400 Sitzplätzen und einer Bühne. Die Umrahmung der Bühne hatte Hans Walther 1925 geschaffen. Sie zeigt ein Rattenfängerrelief in einer expressiven Gestaltung. Nach Umbaumaßnahmen in der Garnisonkirche liegt das Relief in seinen Teilen heute im Magazin des Museums. Pläne zur Wiederaufstellung – Fehlanzeige.

Für die Neugestaltung des Inneren des Hochzeitshauses im Jahre 1931 schuf Hans Walther 1931 als tragende Säule eine Steinskulptur des Rattenfängers. Wieder ist die Aussage sehr ernst und steht mit der Totenehrung in Beziehung. Im Zuge der Zerstörung des Inneren des Hochzeitshauses durch die „Erlebniswelt Renaissance“ wurde die Skulptur unsachgemäß entfernt und lag lange beschädigt und Witterungseinflüssen ungeschützt ausgesetzt im Steinlager des Friedhofs Am Wehl. Erst Proteste des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte sorgten dafür, dass auch diese Arbeit Hans Walthers einen Platz im Museumsmagazin fand. Pläne zur Wiederaufstellung – Fehlanzeige. Das Rattenfänger-Relief des Künstlers Hans Walther, das den Eingang zum Bürgergarten ziert, ist ein Denkmal, das unbedingt erhalten zu werden verdient.