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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 27.04.2021 um 16:46 Uhr
aktualisiert am 28.04.2021 um 16:40 Uhr

Leserforum

Cancel Culture: Ehrenwerte Absicht, fragwürdige Mittel

Zu: „Die Grenzen des Sagbaren“, vom 10. April

Ist die Cancel Culture primär gut oder schlecht? Leider Gottes hat der Kolumnist die Thematik nicht zu Ende gedacht.
Wirklich informativ wäre nämlich erst eine Aufklärung darüber, wohin uns die Debatte über die Cancel Culture führen wird. Denn selbst die Soziologen sind sich darüber noch uneins.

Während nicht wenige in der Bewegung nur eine kulturelle Korrektur sehen, befürchten andere bereits tiefe Einschnitte in die Freiheitsrechte mit dem Ziel eines gesellschaftlichen Wandels. Zunächst angefangen hat alles mit dem Ausgrenzen und Stummschalten unliebsamer Personen des Kulturbetriebs, die sich dadurch in der Kunst- und Meinungsfreiheit beschränkt fühlten. Bedeutet das allein aber schon gleich einen Angriff auf wesentliche Prinzipien unseres Rechtsstaates? Nach den eigenen Worten der Anhänger von Cancel Culture will man die Demokratie nicht beschädigen, sondern geht es ganz im Gegenteil um deren vollständige Verwirklichung. Doch was sind denn nun tatsächlich die Ziele von Cancel Culture? Ein gemäßigter Teil der Gefolgschaft hat zweifelsohne honorige Absichten und will Antisemitismus, Rassismus, Umweltzerstörung, Massentierhaltung und andere Übel aus der Welt entfernen. Eine radikalere Gruppe hat darüberhinaus ein allgemeines Gleichmachen zwischen Geschlechtern, Hautfarben, Mehr- und Minderheiten und Religionen vor Augen. Solche Visionen ähneln sehr dem klassischem Marxismus und sorgen wenig überraschend für erheblichen Widerspruch bei der politischen Rechten. Deren Anhängerschaft will natürlich an alten Strukturen festhalten wie Zuwanderung verhindern, Grenzen schließen bis hin zu einem Austritt aus der EU.

Aber es gibt auch sachliche Kritik und die ist nicht so leicht von der Hand zu weisen. Drei Aspekte werden immer wieder genannt: 1. Es kann nicht sein, dass eine Gesinnung mehr wert sein soll als eine rationale Urteilsfähigkeit. In kontroversen Debatten würden nicht mehr die besseren Argumente zählen, sondern nur noch eine zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral. 2. Auch würde im Umgang miteinander bald nicht mehr die Meinungen anderer kritisiert, sondern vielmehr die Personen, die solche vertreten. 3. Es wären vorwiegend Typen mit großem Mundwerk, die unliebsame Meinungen ausschalten wollen, aber umgekehrt sich selbst niemals den Mund verbieten lassen würden. Es bleibt also letztlich noch die Frage, ist Cancel Culture nun gut oder schlecht für die gesellschaftliche Entwicklung? Eine diplomatische Antwort darauf lautet: Die Motivation und die Absichten sind sicherlich ehrenwerter Natur und stoßen auch auf viel Verständnis, aber leider sind die Mittel zur Realisierung dann doch äußerst fragwürdig. Von daher ist nur gewiss, die Debatte um Cancel Culture bleibt hochdramatisch.