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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 15.04.2021 um 17:37 Uhr
aktualisiert am 29.04.2021 um 11:24 Uhr

Leserbrief

Auftrieb für Gelsenkirchen

Zu: „Kohle. Fußball. Niedergang“, vom 7. April

Thorsten Fuchs porträtiert seinen Lesern einen Bergmann, der 1976 als Jungbergmann „aufm Pütt“ anfing. Es ist die Zeit, als bereits die flexiblen Arbeitnehmer als erste das Ruhrgebiet verlassen hatten, um sich anderswo in der Bonner Republik mit einem neuen Job auch eine neue Zukunft zu erhoffen.

Weil der Stoff so schön und das Milieu so ergiebig ist, verpassen Journalisten häufig die letzte Ausfahrt, Gelsenkirchen von Schalke 04 und seinem Mythos zu trennen. Während nicht wenige Schalker Fans im Gestern gefangen sind und nicht wahrhaben wollen, dass Schalke 04 neue Strukturen und Geschäftsideen braucht, hat die Stadt Gelsenkirchen, Oberbürgermeister, Rat und Verwaltung mit Engagement und unter Einbeziehung der Vertreter der örtlichen Industrie und des Handels längst neue Leitlinien entwickelt: „Kultur, Wissenschaft und Bildung“ sorgen seither für Auftrieb!

Anders als der berühmte Fußballverein Schalke 04 heute, steckte die Stadt Gelsenkirchen Mitte der 1990er Jahre in ihrer tiefsten Krise. Den Menschen ging es nicht gut, und das Vertrauen in das Handeln der Politik war sehr angeschlagen. Heute kann Gelsenkirchen wieder mit guten Zahlen und Entwicklungen aufwarten. Auf alten Industriebrachen entstehen neue Wohnparks für Familien, Studierende und Auszubildende. Auch ist die ehemalige „Stadt der tausend Feuer“ inzwischen unvorstellbar grün mit hohem Wohn- und Freizeitwert geworden. Im Süden, im Stadtteil Ückendorf, leben zirka 3000 Menschen aus 35 Nationen. Eine Herkulesaufgabe der Integration!

Doch nicht nur der Abgesang der Schwerindustrie mit seinem Aderlass an Arbeitsplätzen bereitet den Verantwortlichen Sorgen. Auch die Pandemie wirft ökonomische Prozesse zurück und belastet die Haushalte zusätzlich. Dazu müssen ganze Straßenzüge saniert, die Infrastruktur erneuert werden. Bei meinem letzten Besuch konnte ich mich davon überzeugen, dass Projekte wie das Justizzentrum, der Wissenschaftspark und das NRW-Zentrum für Talentförderung ihre positiven Wirkungen zur Stadterneuerung erfüllen. Mir ist das Stimmungsbild, welches Thorsten Fuchs vermittelt, zu pessimistisch. Gefühlt gehört seine Darstellung in die Zeit um 1995.