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Ein Leserbrief von veröffentlicht am 03.09.2021 um 21:13 Uhr

Leserbrief

Afghanistan ist dem deutschen Durchschnittsbürger egal

Zu: „Was nach 20 Jahren Afghanistan-Einsatz bleibt“, vom 31. August

In den letzten Tagen und Wochen kann man (leider) nur schwer über etwas anderes sprechen, als über die fragile Lage in Afghanistan. Ich tue es auch.

Am Abend des 11. September 2001, so hat es mir mal ein älterer Bekannter erzählt, hat er mit etwa fünf anderen schweigend die Bilder im Fernsehen von den Anschlägen auf die beiden Türme in New York beobachtet. Einer der Personen flüsterte: „Morgen“, in einem triumphierenden Ton, an niemanden im Raum gerichtet, „gibt es Afghanistan nicht mehr.“

Ich habe oft an diese Person denken müssen, für den sich wohl alles vermischte: Das Eintreten von Star Wars in das wirkliche Leben sowie die Erbarmungslosigkeit und die verheerenden Folgen des Krieges. 20 Jahre später wissen wir, dass es alles anders gekommen ist. Die sogenannten Taliban haben uns besiegt und den Krieg gewonnen. Den abrückenden Truppen der uneingeschränkten Solidarität werfen sie noch ein paar Bomben und Kamelmist nach. Anschließend knöpfen sie sich die von uns im Stich gelassenen Hilfstruppen vor.

Seien Sie doch ehrlich, liebe Leserinnen und Leser: Die ganze sogenannte „Problematik in Afghanistan“ ist dem deutschen Durchschnittsbürger ziemlich (scheiß)egal, solange der Sprit billig und der Flüchtling nicht vor der Haustür ist. In den offenen Kriegen in Afghanistan, Syrien und Irak und in den versteckten in einem sehr großen, den meisten Deutschen unbekannten Raum dieser Welt werden seit vielen Jahren Millionen von Menschen in uns unvorstellbarerer Weise ungerecht behandelt. Die Drohnen, die in Afghanistan oder im Irak Menschen bei Familienfeiern und Hochzeiten in Stücke gerissen haben, weil sich – vielleicht, vielleicht aber auch nicht – ein Mitglied von Al Qaida unter den Gästen befand, sind ja in unserem Namen für die Verteidigung der von uns definierten Menschenrechte eingesetzt worden.

Niemand in Deutschland hat je eine Träne vergossen über die Verzweifelten und sprachlos Überlebenden jener Feiern, die ganz gewiss keine Schuld hatten. Sollten wir Europäer also unsere Sicht, für die wir uns doch eigentlich schämen, nicht probeweise beiseitelegen? Weshalb sollten wir nicht jenen Mitmenschen helfen, deren Leid wir zu verantworten haben? Es ist doch ein eingeborenes und vor allem selbstverständliches und legitimes Grundbedürfnis der Deutschen, die Werte, die wir am Hindukusch verteidigt haben, präzise zu beschreiben, damit man weiß, was man zu denken und wie man sich zu verhalten hat. Vor allem auch, wie man das Risiko verringern kann. Ich beende meinen Beitrag mit einem Zitat vom Philosophen Karl Marx aus Trier: „Kein Mensch bekämpft die Freiheit; er bekämpft höchstens die Freiheit der anderen. Jede Art der Freiheit hat daher immer existiert, nur einmal als besonderes Vorrecht, das andre Mal als allgemeines Recht.“