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Wulff und die Medien

Wulff und kein Ende. „Monitor“ prangert die allzu kumpeligen Kontakte zum ehemaligen Hamelner Vorzeige-Unternehmer Ali Memari Fard an, die jetzt in neuem Licht erscheinen. Oder nicht? Leise Zweifel an diesem Skandal seien gestattet.

veröffentlicht am 16.01.2012 um 15:59 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:27 Uhr

Autor:

Frank Werner

Nicht, dass der damalige Ministerpräsident auf das richtige Pferd gesetzt hätte, ganz im Gegenteil, derart unbefangenes Schulterklopfen vor dem Insolvenz-Fiasko wirft die Frage auf, wie blauäugig die Landesregierung dem mit Subventionen und Bürgschaften gepamperten Unternehmer begegnete. Aber in dieser Betrachtung steckt eine gehörige Portion nachträglicher Einsicht. Wer wusste nicht alles, was faul war am Fard-Imperium – nachdem es untergegangen war?

Man kann darüber die Nase rümpfen, aber es findet sich wohl kaum eine jüngere Ministerpräsidenten-Biografie, die ohne Shake hands mit den Wirtschaftskapitänen des Landes auskommt. Man denke an Gerhard Schröder, der über eine Standleitung in diverse Chefetagen verfügte, sich im Designermantel als Genosse der Bosse gerierte und sozialdemokratische Gewissensbisse im Qualm einer noblen Zigarre verdampfen ließ. Nicht umsonst macht jetzt das Wort von Schröders „Erbfreunden“ die Runde, die Wulff qua Amt übernommen hat.

Mit der Skandalisierung einer eher peinlichen, aber nicht außergewöhnlichen Hofierung eines Unternehmers watet der Beitrag in relativ seichtem Wasser. Nur in einer Hinsicht wirft er Fragen auf: Warum wurde dieses weniger spektakuläre Kapitel des späteren wulffschen Gesamtwerkes „Zu Gast bei Freunden“ auf Anfrage nicht genannt?

Über weite Strecken schwimmt auch „Monitor“ im medialen Mainstream, versucht mit leicht verwackelten Partybildern auf der großen Skandalwelle zu surfen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wulffs Krisenmanagement, das diesen Namen nicht verdient, bettelt geradezu um kritische journalistische Anteilnahme. So miserabel hat sich schon lange kein Politiker mehr aus der Affäre ziehen wollen. Und ohne die Recherchen einiger Leitmedien wäre nie ans Licht gekommen, was Wulff nur scheibchenweise und gespickt mit neuen Widersprüchen preisgibt. Aber die Durchleuchtung dieses Politikerlebens fördert inzwischen auch Lappalien zutage. So viel journalistische Selbstkritik darf sein: Berichte über Kochabende und die Kleider von Ehefrau Bettina erwecken den Eindruck, als hätte man auf Dauerfeuer gestellt, ohne zu merken, dass die Munition verbraucht ist.

Das Fatale daran ist: Der eigentliche Kern der Affäre, die Unehrlichkeit vor dem Landtag, die Unredlichkeit, einen fast zinslosen Bankkredit anzunehmen, und die Unfähigkeit, bei der Aufarbeitung dieser Vorgänge der präsidialen Rolle auch nur ansatzweise gerecht zu werden, treten angesichts täglich neuer Miniatur- und Mittelgewichtsskandale aus dem Leben des Christian Wulff in den Hintergrund.

Die Kardinalfrage ist nicht, ob Wulff als Ministerpräsident zu eng mit Geldmagnaten und Gönnern verkehrte. Die entscheidende Frage ist, ob er inzwischen das Zeug zum Bundespräsidenten hat, ob er tauglich ist für ein Amt, das sich wie kein zweites durch die Vermittlung moralischer Werte und einer gewissen Würde definiert. Diese Werte und Würde zu repräsentieren, ist momentan nicht das dringendste Anliegen von Wulff. Und genau darin, im katastrophalen Umgang mit der Krise, liegt die eigentliche Krise. Denn auch notorische Schnäppchenjäger müssen zur Kenntnis nehmen, dass das höchste Amt im Staat keinen Rabatt auf Anstand und Glaubwürdigkeit gewährt.



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