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Politik für Familien ist gut – aber zu wenig

Konzepte, bitte!

Für die Stoiker der antiken Philosophie war Gelassenheit eine Tugend, wenn es darum ging, den unabwendbaren Lauf der Dinge möglichst leidenschaftslos zu akzeptieren. Doch was heißt Gelassenheit, wenn akuter Handlungsbedarf besteht? Wenn einem der Boden unter den Füßen zerrinnt? Dann gerät sie zur Chiffre für Gleichgültigkeit und Lethargie.

veröffentlicht am 01.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:19 Uhr

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Geradezu aufreizend „gelassen“ reagiert die Oberbürgermeisterin auf die demografische Talfahrt. Dabei hat sie in einem Punkt durchaus recht: Die Stadt ist mit ihrem Familienkonzept gut unterwegs. Entscheidungen wie die Ausweitung der Betreuungszeiten sind ein Standortfaktor im Wettbewerb um Arbeitskräfte – einer der „weichen“ Faktoren zwar, aber in Ermangelung von Alternativen muss an diesen Stellschrauben gedreht werden.

Doch das Prädikat „Familienfreundlich“ ins Schaufenster der Stadt zu stellen, ist zum einen kein exklusives Privileg mehr und zum anderen: viel zu wenig. Tatsächlich steuert Hameln reichlich konzeptionslos in eine düstere demografische Zukunft, die durch den Abzug der Briten im nächsten Jahr noch verschärft wird. Nicht die aktuellen Zensus-Zahlen sind so besorgniserregend (sie liegen im Trend), sondern die Prognosen, nach denen sich das Weserbergland insgesamt von der Entwicklung des Landes abkoppelt und wirtschaftsdemografisch zu einer Art Zonenrandgebiet verkümmert.

Der Schwund von Einwohnern, der Exodus alter Industrien und die wiederholten Ohrfeigen des Innenministeriums für unsolide Finanzen führen in Hameln noch immer nicht dazu, die Realität anzuerkennen und den Habitus einer kreisunabhängigen Beinahe-Metropole als Anachronismus zu entlarven. Auch Lippmann schwelgt darin, wenn sie perspektivisch gar von einer „Stärkung der Stadt“ schwärmt – auf Kosten ihrer ländlichen Nachbarn. Dass Krisen einer Region für gewöhnlich auch ihr Zentrum erfassen und dass sich der Abwärtstrend nur im konzertierten Miteinander umkehren lässt, ist eine Wahrheit, die es im Rathaus offenbar nur bis zur Garderobe schafft.

Konzeptionslos agiert die Stadt zum Beispiel bei der Ausrichtung ihrer Verwaltung: Schrumpfende Bevölkerungszahlen müssen sich in kleineren Behördenapparaten niederschlagen. Wann also lässt sich Hameln endlich auf Ämterfusionen mit dem Landkreis ein? Oder in der Schulpolitik: Dass eine IGS-Oberstufe und drei Gymnasien auf Dauer nicht überleben werden, weiß jeder – wann also macht die Stadt endlich gemeinsame Sache mit dem Landkreis und zieht die Konsequenzen? Oder in der Wirtschaftsförderung: Hameln ist zu klein, um im Wettbewerb der Regionen aufzufallen – wann also werden die Kräfte endlich gebündelt?

Man mag auf all diese Fragen differenzierte Antworten finden. Eines aber findet man mit Sicherheit nicht: Grund zur Gelassenheit. Nicht mal im Vorwahlkampf.

f.werner@dewezet.de KOMMENtAR



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