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Eine Vertrauensfrage

In Deutschlands Bankenszene boten in den vergangenen Wochen viele Manager ein erbärmliches Bild. Erst fuhren sie milliardenschwere Verluste ein, dann baten sie den Staat um Hilfe, und schließlich stritten sie noch hart um Abfindungen und Bonuszahlungen. Gemessen daran ist der Vorstandvorsitzende der Bahn beinahe eine tragische Figur: Gestern präsentierte Hartmut Mehdorn eine funkelnde Jahresbilanz, vollgepackt mit Milliardenzuwächsen bei Umsatz und Gewinn – und trat dennoch zurück. Das Staatsunternehmen Bahn gehört heute zu den profitabelsten Verkehrsbetrieben Europas. Mehdorn kann, was die betriebswirtschaftliche Seite betrifft, mit Stolz auf seine zehn Amtsjahre als Deutschlands höchster Eisenbahner zurückblicken. Dass Mehdorn dennoch stürzte, hat Ursachen, die außerhalb des Ökonomischen liegen: in Mehdorns von Misstrauen geprägten Art der Unternehmensführung.

veröffentlicht am 30.03.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 13:03 Uhr

Autor:

Alexander Dahl

Hunderttausende Mitarbeiter, bis hin zum einfachen Bahn-Schaffner, waren über Jahre hinweg Teil einer heimlichen Serie konzerninterner Rasterfahndungen. Die Begründung, mit dem Abgleich von Mitarbeiter- und Lieferantenadressen korrumpierende Nebentätigkeiten aufdecken zu wollen, überzeugte nie. Dazu hätte es gereicht, einige Hundert Führungskräfte zu überprüfen, die tatsächlich zum Entscheiderkreis gehören, wenn es um Aufträge und Einkäufe geht. Tatsächlich stand hinter der Massenkontrolle eher ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den eigenen Beschäftigten.

Die Datenskandale hätten weniger Gewicht entwickelt, wenn Mehdorn nicht anfangs versucht hätte, die Dinge mit immer neuen schneidigen Dementis vom Tisch zu wischen. Doch die Chance zur Kurskorrektur hat Mehdorn verpasst. Jede Leugnung und Verharmlosung durch Mehdorn bewirkte, dass er sich seinerseits immer tiefer in die Affären verstrickte. Der misstrauische Bahn-Chef verlor seinerseits das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Politik. Bei der Telekom lief es anders: Im Sommer 2008 musste die Telekom einräumen, in einen Skandal um illegale Bespitzelungen durch angeheuerte Privatdetektive verwickelt zu sein. Konzernchef René Obermann ahnte die Gefahr, legte Fakten offen und entschuldigte sich. Mehdorn hingegen, der die gleiche Detektei engagiert hatte, versuchte abzuwiegeln und hoffte offenbar darauf, dass das ganze Ausmaß der Spitzelaktionen nie bekannt wird. Mehdorns Verteidigung, im Sinne des Strafrechts sei nichts Böses passiert, war letztlich ohne Wert: Das Ansehen einer Konzernführung definiert sich jenseits bloßer Strafrechtsparagrafen.

Vielleicht hat sich der Bahn-Chef zuletzt auch einfach selbst etwas überschätzt. Lange Zeit meinte Mehdorn, er könne die für ihn gefährlichen Einflüsse der Politik mildern, indem er die Bahn an die Börse bringt. Sein Kalkül: Je mehr private Anteilseigner dem bisherigen Eigentümer, dem Staat, zur Seite gestellt werden, desto geringer sei die Gefahr für ihn, noch vom politischen Berlin unter Druck gesetzt zu werden. Dass die Bundesregierung, allen voran die SPD, die Pläne in Richtung Börsengang immer wieder durchkreuzte, hat Mehdorn gestern mit auffallender Bitterkeit im Tonfall erneut bedauert.

Mehdorns Abgang trifft das Unternehmen in schwieriger Zeit. Gerade im internationalen Güterverkehr auf Schiene und Straße, wo Mehdorn besonders großzügig zugekauft und investiert hat, drohen derzeit im Zuge der Rezession herbe Verluste. Auf den Nachfolger warten harte Jahre; eine schnelle Erholung werde es nicht geben, ließ Mehdorn schon einmal wissen.

Auch die Entscheidung über den neuen Bahn-Chef wird wohl auf sich warten lassen. Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl werden Union und SPD Mühe haben, sich auf eine neuen Chef für Deutschlands wichtigstes Staatsunternehmen zu einigen. Vielleicht wird zunächst ein Übergangskandidat installiert. Sicher ist jedenfalls eins: Die Bahn steuert derzeit, nach vielen guten Jahren, auf einen neuen Problemberg zu.



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