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Aus Mangel an Respekt

veröffentlicht am 12.09.2016 um 19:14 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 09:18 Uhr

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Als ich meine Kinder vor einigen Jahren zum ersten Mal ins Wahllokal mitnahm, tat ich etwas, was ich sonst nie tue: Ich bestand darauf, dass sie sich die Haare kämmten. Und ohne Loch in der Hose das Haus verließen. Dass sie nicht über die Schulflure tobten und leise redeten. Warum? Weil es sich so gehört. Eine Wahl ist ein Heiligtum. Ich wollte, dass meine Kinder davor Respekt empfinden.

Nicht umsonst ist der Wahlvorgang bis ins Detail geregelt und mit Verantwortlichkeiten hinterlegt. Niemand soll Zweifel daran haben müssen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Man muss sich darauf blind verlassen können, um ein Ergebnis auch dann noch zu akzeptieren, wenn es den eigenen Überzeugungen widerspricht. Es darf keinen Spielraum geben, weder für Willkür noch für Schlamperei.

Und jetzt das: Vertauschte Wahlzettel, Kritzeleien, die als gültige Stimme gewertet werden sollen, hilfloses Durcheinander. Kandidaten, die den Tränen nahe sind, weil sie sich um den Lohn für die Arbeit von Wochen betrogen fühlen. Argumente für Populisten, die Verunsicherung und Misstrauen für ihre Zwecke benutzen. Bürger, die sich zu Recht fragen, was wohl sonst noch alles passiert; da, wo keiner hinguckt.

Der Eindruck, den die Wahlpanne hinterlässt, ist verheerend. Egal, ob am Ende eine Neuwahl mit voraussichtlich unterirdischer Beteiligung oder das Durchwinken fehlerhafter Ergebnisse steht: Das Heiligtum hat massiv gelitten. Es wurde von denen entzaubert, die es eigentlich beschützen sollten. Nicht aus bösem Willen, sondern aus einer Nachlässigkeit heraus, die nur durch Mangel an Respekt zu erklären ist.

Die Verantwortung auf dem Papier ist nichts wert, wenn der jetzt eingetretene Fall der Fälle ohne Konsequenzen bleibt. Der Wahlleiter muss zeigen, dass er willens und in der Lage ist, den schlimmsten Schaden von der Institution „Wahl“ abzuwenden. Er muss alles daran setzen zu beweisen, dass die Mechanismen, denen Wähler vertrauen, auch dann noch funktionieren, wenn scheinbar nichts funktioniert. Im Klartext heißt das: Er muss die Verantwortung übernehmen. Und das so schnell wie möglich.



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