Spionageserie „Citadel“: Bombe im Kopf
Ein Film oder eine Serie reichen heute nicht mehr aus, um in der Unterhaltungsindustrie zu beeindrucken. Da muss schon ein ganzes Universum her. „Marvel“ und „Star Wars“ haben im Kino vorgemacht, wie man mit einem Netz aus Sequels, Remakes und Spin-offs ein globales Publikum profitabel an sich bindet. Nun versucht Amazon Prime, mit „Citadel“ ein solch ausuferndes Universum für den Streamingsektor zu erschaffen.
Dahinter stehen als Produzenten die Brüder Anthony und Joe Russo, die mit „Avengers: Infinity War“ (2018) und „Endgame“ (2019) umfangreiche Erfahrungen mit Großproduktionen sammeln konnten. „Citadel“ ist als bekennend globales Franchise angelegt. Zu dem Kern der Serie, deren erste Staffel nun vom Stapel läuft und kontinuierlich weiterentwickelt werden soll, stoßen verschiedene, über die Welt verstreute Spin-offs, die mit Stars und Personal der jeweiligen Herkunftsländer produziert werden. Der Ableger in Italien wurde bereits abgedreht, in Indien läuft die Produktion gerade an und ein weiteres Projekt für Mexiko ist im Gespräch.
Zweitteuerste TV-Serie nach „Der Herr der Ringe“
Den Versuch, globale Unterhaltungsansprüche mit regionaler Spezifizierung zusammenzudenken, lässt sich Amazon Prime eine Menge kosten. Allein für die ersten sechs Folgen wurden mehr als 200 Millionen Dollar investiert, was das Projekt zur zweitteuersten TV-Serie nach „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ werden ließ.
Und so strengt sich „Citadel“ in den ersten Episoden mächtig an, um sein internationales Publikum zu beeindrucken. Im knallroten engen Kleid betritt Nadia Sinh (Priyanka Chopra Jonas) den Speisewagen eines futuristischen Hochgeschwindigkeitszuges. Unauffällige Berufskleidung gehört offensichtlich nicht zu ihrem Job als Topspionin. Nach einem kurzen, erotisch aufgeladenen Geplänkel mit Kollege Mason Kane (Richard Madden) machen sich die beiden an die Arbeit. Während er in der Zugtoilette den Bodyguard tot prügelt, macht sie sich an die eigentliche Zielperson heran. Der Einsatz endet im Desaster.
Acht Jahre später lebt Mason mit Frau und Kind in Oregon. An seine Agentenvergangenheit kann er sich nicht erinnern, denn der Auftraggeber hat alle Gedächtnisdaten gelöscht. Citadel – so nennt sich die Organisation, die regierungsübergreifend Geheimdienstdaten zusammenführt, um zum transnationalen Wohle der Menschheit Terror und Krieg zu verhindern.
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Zur vollständigen AnsichtGedächtnisloser Spion soll erneut rekrutiert werden
Die edle Spionagevereinigung wurde mittlerweile von dem Syndikat „Manticore“ zerschlagen, in dem sich die 50 reichsten Familien der Welt zu weniger altruistischen Zwecken zusammengetan haben. Schon bald steht der untergetauchte Citadel-Chef Bernard Orlick (Stanley Tucci) mit vorgehaltener Waffe vor der Tür, um den gedächtnislosen Spion erneut zu rekrutieren. Zusammen mit der in Valencia untergetauchten Nadia gilt es, den Bösewichten einen Koffer mit Geheimdienstdaten und Nuklearwaffencodes zu entwenden.
Mit seinem Jason-Bourne-Zitat strotzt der Grundplot nicht gerade vor Originalität. Dafür lässt Showrunner David Weil („Hunters“) in den Actionszenen und brutalen Nahkampforgien kräftig die Muskeln spielen. Dabei stehen sich Nadia und Mason auf dem Gebiet körperlicher Gewalt in nichts nach und auch sonst bewegen sich weibliche und männliche Hauptfigur vollkommen auf Augenhöhe.
Zwei weltmarktfähige Gesichter
Mit dem „Game of Thrones“-Star Richard Madden und der ehemaligen Bollywood-Diva Priyanka Chopra Jonas hat man zwei weltmarktfähige Gesichter unter Vertrag genommen, deren charismatische Ausstrahlung wohl der wichtigste Treibstoff der Serie sein wird. Dass Nadia sich im Gegensatz zu ihren Kollegen an die dunkle Geheimdienstvergangenheit und gemeinsame amouröse Verwicklungen erinnert, bringt ein interessantes Wissensgefälle in die Beziehung. „Kann ich dir vertrauen?“, fragt Mason und man ahnt, dass er über ein paar Staffeln hinweg darauf keine verlässliche Antwort finden wird.