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Wie der ehemalige Nationalspieler und Weltklasse-Torhüter nach dem Fall der Mauer vor 20 Jahren nach Hameln kam

Wieland Schmidt: „Das Beste, was mir passieren konnte“

Seine Augen strahlten mit den Lichtern am festlich geschmückten Weihnachtsbaum um die Wette. Als Wieland Schmidt vor genau 20 Jahren an einem kalten Dezemberabend zum ersten Mal nach Hameln kam, war das für ihn „wie ein Traum, eine unglaubliche Geschichte“, wie er später immer wieder betonte. Die Verpflichtung des ehemaligen Weltklasse-Torhüters und DDR-Nationalspielers durch den damals in der 2. Handball-Bundesliga spielenden VfL Hameln war 1989 wenige Wochen nach dem Fall der Mauer eine sportliche Sensation. Der aufsehenerregende Coup, im Alleingang inszeniert vom VfL-Ligamanager Dieter Teraske, schlug in der Handballszene ein wie eine Bombe und sorgte bundesweit für dicke Schlagzeilen.

veröffentlicht am 23.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 12:21 Uhr

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„Wir haben es geschafft. Hier ist er!“ Teraske war nach eigenem Bekunden „fix und fertig – aber glücklich“, als er in der Nacht zum 14. Dezember 1989 nach einer abenteuerlichen Fahrt in die DDR wieder in Hameln eintraf. Im Gepäck hatte der umtriebige Manager ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk: Wieland Schmidt, 15 Jahre lang „der beste Torhüter der Welt“, wie tags darauf sogar die BILD-Zeitung titelte.

„Ich kann kommen, holt mich hier raus“, hatte der bekannte Sportler am Morgen dieses Tages Teraske telefonisch signalisiert. Der Ligachef fackelte nicht lange und machte sich sofort auf den Weg nach Leipzig – allerdings ohne Einreisevisum. Ein abenteuerliches Unterfangen, denn er musste die Transitstrecke nach Berlin verlassen, um in die Messestadt zu kommen. „Auf der Rückfahrt schauten uns die DDR-Grenzsoldaten dann auch ganz verdutzt an“, so Teraske. Doch der „Fischzug“ gelang. „Der Name Wieland Schmidt öffnete uns alle Tore. Die Grenzer haben ein paar Mal telefoniert und uns dann gute Fahrt gewünscht“, berichtete der Manager, der in Helmstedt gleich zu einer Telefonzelle eilte und seine Frau Karin anrief: „Es hat alles geklappt. Du kannst den Sekt kalt stellen…“

Dass der damals bereits 36 Jahre alte „Verdiente Meister des Sports“ und Träger des Vaterländischen Verdienstordens in den Tagen der politischen Wende auch seine persönliche Zukunft wendete und in Hameln anheuerte, war einem Zufall zu verdanken. An einem verregneten Novemberabend des Jahres 1989 hatte Teraske den früheren DDR-Nationalspieler und Magdeburger Trainer Hartmut Krüger nach Hameln eingeladen. Man traf sich zu einem Gedankenaustausch beim Italiener in der „La Fattoria“ und plauderte über Gott und die Welt. Als sich der bei diesem Treffen ebenfalls anwesende Chronist dieser Zeilen nach dem Torhüter Wieland Schmidt erkundigte, bekam Teraske – der auf der Suche nach einem neuen Torwart war – plötzlich „ganz lange Ohren“. Schon am nächsten Tag saß er im Auto. Sein Ziel: Leipzig, Bosestraße. Die Heimatadresse des Torhüters, der gerade seine glanzvolle Karriere offiziell beendet hatte. Der Manager machte erst einmal „einen ganz tiefen Diener“ (Schmidt) und dann dem Torhüter ein lukratives Angebot. „Ich dachte, ich höre nicht richtig“, erinnert sich der Handball-Olympiasieger von 1980 immer wieder gerne an diesen denkwürdigen Tag. Und sagt: „Ich würde alles noch einmal so machen. Es war das Beste, was mir damals passieren konnte…“

So war’s vor 20 Jahren: Wieland und Michaela Schmidt mit Sohn Benjamin (damals 4 Jahre jung) auf dem Hamelner Weihnachtsmarkt. Für den guten Ton sorgte Rattenfänger Siegfried Sacher. Foto: Archiv

Verständlich, denn beim VfL verdiente der gelernte Maschinenbauer und Sportstudent, der beim SC Magdeburg zuletzt für 800 Ost-Mark im Monat spielte, nicht nur deutlich mehr. In Hameln machte er beim BHW, dem damaligen Hauptsponsor des VfL, auch eine berufliche Ausbildung zum Kommunikationswirt. Seine Frau Michaela und Sohn Benjamin (vier Jahre jung) blieben in Leipzig, Schmidt bezog in der Weserstadt eine für ihn (natürlich) mietfreie 120-qm-Zweitwohnung. Auch das Auto, ein Ford mit sechs Zylindern und 125 PS, wurde vom Verein gestellt. Die Sponsoren rissen sich um den Handballstar. Klar, denn so einen wie ihn gab es noch nie in Hameln. Schmidt hatte nach fast 300 Länderspielen und unzähligen Europacupspielen natürlich schon West-Erfahrung, und auch gefüllte Schaufenster waren ihm nicht fremd. Dennoch: Hameln war für ihn, wie er später einmal offen zugab, „das Paradies“. Auch das Gefühl, endlich (politisch) frei zu sein, war für das ehemalige SED-Mitglied neu. „Ich kann hingehen wohin ich will, und sprechen, mit wem ich will. Das war schon Motivation genug, um noch einmal sportlich aktiv zu werden“, gab der gebürtige Magdeburger Schmidt in einem Interview Einblicke in seine Gefühlswelt.

Der achtfache DDR-Meister und dreimalige Handballer des Jahres avancierte in Hameln auf Anhieb zum Publikumsliebling. Für die Fans war er ein Sonnyboy zum Anfassen. Sein Debüt im VfL-Trikot feierte Schmidt am 22. Dezember 1989, einen Tag vor seinem 36. Geburtstag. Beim 12:12 in Minden rückte er nach der Pause zwischen die Pfosten und kassierte lediglich zwei (!) Feldtore. Absoluter Höhepunkt seines bis 1992 dauernden Hameln-Engagements war 1991 der Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Dieter Teraske war im Übrigen nach der Wende der erste West-Manager, der sich auf dem nun offenen DDR-Spielermarkt kräftig bediente. Nach Wieland Schmidt folgten mit Frank-Michael Wahl, Stephan Hauck und Matthias Hahn drei weitere Weltstars den Lockrufen des Orthopädie-Schuhmachermeisters, den das Magazin DER SPIEGEL ob seines bis dato einmaligen Coups im deutsch-deutschen Sportverkehr als „schlitzohrige Provinzgröße“ bezeichnete.



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