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1999 stand der Hamelner Traditionsklub schon einmal vor dem Aus / Vereinschronik von 07 mit vielen Höhen und Tiefen

Verstummen die „Preußen“-Sprechchöre für immer?

Von Andreas Rosslan

veröffentlicht am 04.06.2010 um 15:34 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 15:41 Uhr

Der ehemalige Präsident Mensing (Mitte) neben Coach Laszig.

Seit 1992 flimmert immer montags bis freitags bei RTL eine Seifenoper über den Bildschirm, deren Titel zur Chronik der SpVgg. Preußen Hameln 07 passt: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (kurz: GZSZ). Millionen Zuschauer fragen sich Tag für Tag: Wie geht es weiter?

Diese Frage stellen sich seit Generationen auch die treuen Preußen-Fans, die auf eine 103-jährige Geschichte zurückblicken können – mit vielen Höhen und Tiefen. Wann schlug eigentlich die Geburtsstunde des ältesten noch existierenden Fußballvereins der Stadt? Um diese Frage zu beantworten, stöberte Hans-Joachim Sternitzke vor drei Jahren anlässlich des Vereinsjubiläums monatelang in den verstaubten Archiven. Der 27. Mai 1907, der lange Zeit als „Geburtstag“ in der Chronik veröffentlicht wurde, war es wohl nicht. Die amtlich beurkundete Gründung des Fußballvereins Saxonia Hameln ist nämlich erst auf den 27. Mai 1908 datiert. Das fand Sternitzke bei seinen Nachforschungen heraus. Aber das störte die Hamelner Preußen nicht. Sie feierten ihr „Einhundertjähriges“ trotzdem im Jahr 2007 – wie es sich für 07 gehört. Die Historie des Klubs ist etwas kompliziert. Die SpVgg. 07 (1946 durch den Zusammenschluss der SpVgg. Saxonia 07 und des SC Olympia gebildet worden) und der SC Preußen (1928 durch Fusion zwischen SC Grün-Weiß und VfB Preußen entstanden und bis 1945 VfB Preußen/Grün-Weiß genannt) schlossen sich 1949 zur heutigen SpVgg. Preußen Hameln 07 zusammen. Bemerkenswert ist, dass Saxonia mit Torhüter Gustav Hörgren (1926 mit Fürth) und Ludwig „Eugen“ Pöhler (1938 mit Hannover 96) zwei deutsche Meister hervorbrachte. Seit Generationen bereitet der Klub seinen Fans viele schlaflose Nächte. Früher, als der Name „Preußen“ noch Glanz ausstrahlte, pilgerten Tausende Hamelner zu den Heimspielen. Doch an die guten alten Zeiten, als ein Pöhler, Ernst „Ezi“ Willimowski und Bernhard „Berni“ Termath Nationalspieler wurden, können sich nur noch wenige Zeitzeugen erinnern. Viele jüngere Fans von heute wissen gar nicht, dass der Königsberger Herbert Schibukat nicht nur ein guter 07-Fußballer war, sondern auch deutscher Eishockeynationalspieler, der sogar 1936 an den Olympischen Spielen teilnahm.

Nach Ende des 2. Weltkrieges ging es zunächst sportlich steil bergauf. Doch als nach der Währungsreform die „Legionäre“ den Verein verließen, folgte eine Zeit der Bescheidenheit. Die goldenen Zeiten, von denen die Preußen heute noch träumen, setzten sich erst in den Siebzigern fort: Unter Trainer Werner Müller, 1954 noch deutscher Meister mit Hannover 96, gewann 07 zwar 1970 den Verbandsligatitel, aber erst ein Jahr später kehrten die Preußen endlich in die Landesliga zurück.

Diese Preußen holten 1974 die Niedersachsenmeisterschaft.
  • Diese Preußen holten 1974 die Niedersachsenmeisterschaft.
In den siebzieger Jahren pilgerten Tausende Zuschauer zu den Pre
  • In den siebzieger Jahren pilgerten Tausende Zuschauer zu den Preußen-Heimspielen ins Stadion. Fotos: Archiv
07-Keeper Bengsch klärt gegen den Kieler Lüben.
  • 07-Keeper Bengsch klärt gegen den Kieler Lüben.

Der Vater des Aufschwungs war Heinz Mensing. Ihm zur Seite stand Zeitungsverleger Günther Niemeyer. Ein Höhepunkt der Vereinsgeschichte war 1974 der Gewinn der Niedersachsenmeisterschaft – inklusive Aufstieg in die Amateuroberliga. Unvergessen ist das Derby gegen die SpVgg. Bad Pyrmont. Damals, am 9. Februar 1974, pilgerten über 7500 Zuschauer ins Weserberglandstadion, obwohl es in der ersten Hälfte in Strömen regnete. Von diesem Derby schwärmt man noch heute. Die Preußen stoppten mit dem 2:0 – Strobel und Irtel schossen die Tore – die beeindruckende Pyrmonter Serie und eroberten sich die Tabellenführung in der damals höchsten Amateurklasse zurück. „Preußen, Preußen“-Sprechchöre hallten durchs Stadion. Das waren noch Zeiten, als die Ränge noch proppevoll waren – und nicht so spärlich besetzt wie heute.

Damals trugen Sikora, Schmidt, Schoster, Ehlerding, Heinrichsen, Rühmkorb, Strobel, Förster, Neumann, Irtel und Schröder das gestreifte 07-Trikot mit den drei großen Buchstaben des Hauptsponsors auf der Brust: BHW. Am Dienstag, 25. Mai 1976, schaffte es Preußen sogar auf die Titelseite der Bild, die damals noch 25 Pfennig kostete. Damals kassierte 07 im Kellerderby gegen Barmbek-Uhlenhorst ein Gegentor aus 95 Metern – durch einen gewaltigen Abschlag von Torwart Klaus-Hinrich Müller, der extra aus Mallorca eingeflogen wurde.

1977 klopften die Blau-Weiß-Roten sogar an das Tor zur zweiten Liga an. Trainer wie Müller, Schleich, Paetz, Kühne und Laszig haben 07-Geschichte geschrieben. Als nach der Saison 79/80 Laszig und einige Leistungsträger wie Kriks, Nowag und Loges den Verein verließen, war der zehnjährige Höhenflug erst einmal vorbei. Es folgten zwei Abstiege in Folge. Anfang der achtziger Jahre machten die Preußen mehr durch Trainerwechsel Schlagzeilen als durch sportliche Erfolge. Um die Fahrstuhlfahrt in den Keller zu stoppen, bekam die Mannschaft in der Saison 82/83 ein fast komplett neues Gesicht. Nach der langen Durststrecke schaffte 07 unter Trainer Reinhard „Fetty“ Wasner 1986 dann endlich wieder den Aufstieg in die Verbandsliga.

Damit nicht genug. 1993 folgte die Sensation: der Aufstieg in die Oberliga Nord. Damit hatte wirklich niemand gerechnet. Selbst Trainer Uwe Cording nicht, der, wie viele seiner Vorgänger auch, erst gefeiert und dann gefeuert wurde. Cording formte ein Team aus Spielern wie Klein, Stelzer, Oswald, Hanses, Schumachers, Eidinger, Motzner, Quindt, Dierßen, Kiesslich, Bönning, Scheler und Fehrmann, das die 07-Fans in Euphorie versetzte. Doch das Hoch hielt nicht lange an. Es folgte eine Talfahrt. Nachdem die Preußen 1999 aus der Niedersachsenliga abgestiegen waren, drohten die Lichter auszugehen. 700 000 Mark Schulden aus alten Oberligatagen plus Gewerbesteuernachforderungen in Höhe von 220 000 Mark machten einen radikalen Schnitt notwendig. Deshalb votierten die Mitglieder für einen Neustart in der Kreisliga. So ist man dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen. Wie Phönix aus der Asche ist 07 nach der Kreisligameisterschaft 2002 wiederauferstanden. Unter der Regie von Kai Oswald, der die Elf bis in die Bezirksoberliga führte, und Alexander Kiene, der mit Preußen in die Oberliga aufstieg, konnte der Traditionsklub zwar an die früheren Erfolge anknüpfen, doch von den Sünden der Vergangenheit hat sich der Klub aber bis heute nicht erholt. Nachdem der Abstieg in die Landesliga besiegelt war, meldete der heutige Preußen-Chef Roman von Alvensleben vor wenigen Tagen Insolvenz an. So endet vorerst das letzte Kapitel der Vereinschronik. Doch die „Preußen“-Sprechchöre sollen in Hameln nicht verstummen.



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