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"Ruhe sanft, Hölle Nord"

Einmal musste dieser Tag ja kommen. Jetzt ist er da. Nicht ganz unerwartet, aber doch ziemlich plötzlich. Mit großer Betroffenheit und Trauer nehmen wir, die aktiven und passiven Hamelner Sportfreunde, Abschied von Dir, der guten, alten, aber in die Jahre gekommenen Sporthalle Nord.

 

veröffentlicht am 23.10.2012 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:55 Uhr

Einmal musste dieser Tag ja kommen. Jetzt ist er da. Nicht ganz unerwartet, aber doch ziemlich plötzlich. Mit großer Betroffenheit und Trauer nehmen wir, die aktiven und passiven Hamelner Sportfreunde, Abschied von Dir, der guten, alten, aber in die Jahre gekommenen Sporthalle Nord.

Natürlich, Du warst mit deinen 47 Jahren im fortgeschrittenen Alter und gingst – bildlich gesprochen – schon seit vielen Jahren aufgrund zahlreicher Blessuren am Stock. Deine innere Uhr (die an der Hallen-Nordseite) zum Beispiel tickte schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Zudem hattest Du in den vergangenen Jahrzehnten den einen oder anderen Dachschaden. Schwamm drüber, denn den nahm Dir niemand übel. Den hast Du genauso gut weggesteckt wie zahlreiche andere, ganz plötzlich auftretende Aussetzer in Deinem komplizierten Herz-Kreislauf-System. Zuschauern und Sportlern jedenfalls wurde diverse Male bei Stromausfällen schwarz vor Augen.

Gleichwohl: bei Handballspielen, die in einer sportlichen Tragödie zu enden drohten, hätten wir uns sogar des Öfteren gewünscht, dass das Hallen-Licht ganz ausgeht. Für immer. Zumindest an diesem Tag. Aber diesen Gefallen hast Du uns dann doch nicht getan…

Mit der einen oder anderen Frischzellenkur und kleinen kosmetischen Maßnahmen wurdest Du in regelmäßigen Abständen auf jung und dynamisch getrimmt. So gesehen hattest Du durchaus menschliche Züge. Doch der Schein trog. Einen Schönheits-Chirurgen für eine radikale Rundum-Erneuerung ließ man schon aus Kostengründen nicht an Dich heran. Hinter Deiner Fassade bröckelte derweil unaufhörlich der Putz. Du wurdest in den letzten Jahren immer mehr zu einem hoffnungslosen (Pflege-)Fall. Auch wenn das keiner so richtig wahrhaben wollte. Für lebenserhaltende Maßnahmen war es zu spät. Leider.

Was bleibt, ist die Erinnerung. An viele sportliche Highlights, an Momente des Glücks und der sportlichen Trauer. Die Hamelner Fans nannten Dich seit Mitte der 1980er Jahre liebevoll und ehrfurchtsvoll zugleich „Hölle Nord“. Hier wurde auf engstem Raum und hartem Gestühl ohne jeglichen Komfort geweint und gelacht, gezittert und gejubelt. Zum Beispiel bei den vielen großen, unvergessenen VfL-Handballschlachten in der 1. Bundesliga. Da stand den Zuschauern nicht nur wegen der schlecht oder sehr oft auch gar nicht funktionierenden Klimaanlage regelmäßig der Schweiß auf der Stirn. Und 1977 prügelten sich in Deinem Haus – nein, nicht die Besucher, sondern unter den Augen von Bubi Scholz die Boxer bei den Deutschen Juniorenmeisterschaften. Apropos Besucher: Offiziell durften nur knapp 600 in Dein ehrenwertes Haus. Handball-Boss Dieter Teraske, ein ehemaliger guter Freund von Dir, „packte“ dagegen jahrelang regelmäßig über 1000 Fans auf die Tribünen und in die Geräteräume. Wie er das gemacht hat? Nein, das wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Dieses Geheimnis nimmst Du mit ins Grab. Doch eines steht fest: Nach Deiner nun bevorstehenden Einäscherung wird keine Halle in Hameln jemals wieder diesen Kult-Charakter erreichen. Auch nicht Dein jüngerer Bruder, die Rattenfängerhalle. Die wird unter Insidern auch „Fünf-Särge-Halle“ genannt – nicht nur wegen der ungewöhnlichen Dachkonstruktion, sondern weil in der Arena am Stockhof (zu) viele Millionen regelrecht verbuddelt wurden. Außerdem trug hier unter großer Anteilnahme die Sportgemeinde den Hamelner Spitzenhandball zu Grabe. Aber das ist ein anderes trauriges Thema. Ruhe sanft, alte „Hölle“ Nord. In unseren Herzen wirst Du immer in guter Erinnerung bleiben.

PS: Der Termin der Trauerfeier wird rechtzeitig bekanntgegeben. Gespielt werden an diesem Tag Lieder von Roger Whittaker („Abschied ist ein scharfes Schwert“), Andrea Bocelli („Time to say goodbye“) und Trude Herr („Niemals geht man so ganz…“). Für die Bewirtung mit Bratwurst, Mettbrötchen und Kaltgetränken sorgt die seit Jahrzehnten erprobte Sporthallen-Nord-Crew der VfL-Handballer.



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