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Roman von Alvensleben ist heute 100 Tage Chef bei Preußen 07 / Im Dewezet-Interview zieht er eine Zwischenbilanz

„Mir hat keiner gesagt, welche Leichen im Keller liegen“

Fußball. Heute vor genau 100 Tagen wurde Roman von Alvensleben zum Vereinsvorsitzenden von Preußen Hameln 07 gewählt. Im Interview mit Dewezet-Mitarbeiter Andreas Rosslan spricht der 43-jährige Rechtsanwalt über das Chaos, das die alte Vereinsführung hinterließ, die drohende Pleite des Traditionsklubs und das Sanierungskonzept, das den Weg aus der Schuldenfalle ebnen soll.

veröffentlicht am 13.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 05:21 Uhr

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Herr von Alvensleben, seit 100 Tagen sind Sie Preußen-Chef. Haben Sie schon bereut, das Amt überhaupt übernommen zu haben?

Nein. Die Aufgabe macht mir sehr viel Spaß. Für mich ist es eine Herausforderung, den Traditionsverein vor der drohenden Pleite zu retten. Weder ich als Vereinsvorsitzender noch die anderen Vorstandsmitglieder bei 07 haben ein Interesse, persönlich für die Altlasten zu haften, die wir nicht zu verantworten haben.

Der alte Vereinsvorstand soll ein Chaos hinterlassen haben.

Das stimmt. Es war völlig unklar, wie viele Gläubiger es überhaupt gibt und wer wie viel Geld vom Verein bekommt. Mir hat vor der Jahresversammlung keiner gesagt, welche Leichen bei Preußen noch im Keller liegen. Die Unterlagen, die mir zur Verfügung gestellt wurden, waren unvollständig. Es lagen Verträge nicht vor, es wurden Quittungen auf Briefumschlägen erstellt und vieles mehr. Ich habe den Eindruck, dass der alte Vereinsvorstand sehr fahrlässig mit der Führung eines Traditionsvereins umgegangen ist.

Stimmt es, dass das Spiel gegen den VfL Wolfsburg 07 vor der drohenden Pleite gerettet hat.

Das kann man so sagen. Ohne die Zuschauereinnahmen hätten wir wohl zum Insolvenzrichter gehen müssen. Wir leben zurzeit von der Hand in den Mund. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Der Verein ist seit wenigen Tagen wieder gemeinnützig. Es war meiner Ansicht nach fahrlässig, dass das in den vergangenen drei Jahren nicht so war.

Wie hoch ist der Schuldenberg?

Nach den Zahlen, die mir heute vorliegen, sind es knapp 178 500 Euro. Die Liste der Gläubiger ist in den vergangenen Wochen noch etwas länger geworden. Das sind unter anderem Forderungen von Spielern, Trainern, Lieferanten, Banken, Versicherungen und des Finanzamtes, das für 2007 einen Gewinn ermittelt hat. Wo der Gewinn geblieben ist, weiß ich nicht.

Was steht am Freitag bei der Gläubigerversammlung auf der Tagesordnung?

Wir wollen gemeinsam mit den rund 45 Gläubigern, die wir angeschrieben haben, ein Konzept entwickeln, wie wir die finanzielle Schieflage des Vereins in den Griff bekommen können. Ich hoffe, dass wir eine Lösung finden, mit der alle Seiten leben können. Dafür müssen wir eine Vertrauensbasis schaffen. Sollte uns das nicht gelingen, müssten wir einen Insolvenzantrag stellen.

Preußen Hameln ist ein Sanierungsfall. Ist der Verein überhaupt noch zu retten?

Ich bin nicht bei Preußen angetreten, um zu versagen. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Kuh vom Eis bekommen können, wenn alle an einem Strang ziehen. Wir brauchen eine solide wirtschaftliche Grundlage, um vernünftig arbeiten zu können. Von einem Großsponsor wollen wir uns aber nicht abhängig machen. Ich möchte eine breite Basis schaffen – von Sponsoren über Spenden bis zur symbolischen Vermarktung von Rasenflächen. Darüber hinaus ist mit der Berufsakademie Wirtschaft ein Projekt geplant.

Was ist das konkret?

Es geht darum, wie ein Sportverein unter semiprofessionellen Bedingungen geführt wird. Das Projekt, das noch vorgestellt wird, wird voraussichtlich ab September nächsten Jahres laufen. Momentan sind wir aber noch am Anfang unseres Weges. Wir brauchen einen größeren Rückhalt in der Bevölkerung. Die Hamelner können nicht stolz darauf sein, dass ein Traditionsverein wie Preußen nur 330 Mitglieder hat, die 07 auch in schlechten Zeiten die Treue halten.

Wer wird die Bemühungen der Preußen, sich finanziell zu konsolidieren, unterstützen.

Von 96-Präsident Martin Kind haben wir die Zusage, dass im nächsten Sommer Hannover 96 gegen uns ein Benefizspiel im Weserbergland-Stadion machen wird. Die Einnahmen des Spiels kommen unserem Verein zugute. Das ist ein weiter Schritt, um einen wirtschaftlichen Neuanfang zu starten.

In der Oberliga liegt 07 mit einem Schnitt von 586 Zuschauern immerhin auf Platz fünf. Das war nicht immer so?

Es ist Aufbruchstimmung zu spüren. Die wollen wir nutzen, um ein Wir-Gefühl zu erzeugen. Jeder zahlende Zuschauer und jedes Vereinsmitglied leistet einen Beitrag zum Fortbestehen des Klubs. Es gibt jetzt sogar einen Preußen-Fanklub. Weil wir auf die Einnahmen angewiesen sind, wollen wir möglichst viele Fußball-Fans vom Sofa zu uns ins Stadion holen.

Sportlich stehen die Preußen trotz der Pleite in Langenhagen gut da. Zwischenzeitlich stand 07 sogar auf Platz eins.

Die Tabelle habe ich nicht ausgeschnitten und an die Wand gehängt. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Unser Ziel ist der Klassenerhalt. Ich bin davon überzeugt, dass wir die dafür notwendigen Punkte sammeln.

Vor Saisonbeginn wurde 07 als Abstiegskandidat gehandelt, weil mit Offermann, Bock, Diener, Deppe, Primke und Sarier sechs Spieler den Verein verlassen haben.

Ich glaube, dass einige der genannten Spieler sehr traurig sind, dass sie den Verein verlassen haben. Keiner von ihnen hat sich aus sportlicher Sicht verbessert.

Warum läuft es besser als erwartet?

Mit Kai Oswald haben wir einen Super-Trainer, der unser zwölfter Mann ist. Seine Handschrift ist deutlich zu erkennen. Unter seiner Regie haben sich junge Spieler wie beispielsweise Daniel Boateng toll entwickelt.

Was machen die Planungen für die diese und nächste Saison?

Mit Adrian Wagner vom Bonner SC haben wir einen Neuzugang, der schon mit der Mannschaft trainiert. Es kann sein, dass wir in der Winterpause noch den einen oder anderen Spieler holen, für den die Oberliga eine sportliche Herausforderung ist. Gehälter können wir nicht zahlen, weil wir nur einen ganz schmalen Etat zur Verfügung haben. Siegprämien gibt es bei uns momentan nicht. Die Spieler haben die Möglichkeit, sich selbst Sponsoren zu suchen.

Wie geht es mit der zweiten Herrenmannschaft in der Kreisliga weiter?

Wir suchen einen neuen Trainer, weil Friedhelm Flentje nur als Interimscoach zur Verfügung steht. Die Trainerfrage ist zurzeit noch ungelöst.

Warum übernimmt nicht Thomas Fenske das Reserveteam?

Wir haben darüber gesprochen. Aber Thomas möchte sich als Co-Trainer von Kai Oswald auf unser Oberligateam konzentrieren.

„Die Aufgabe macht mir sehr viel Spaß. Für mich ist es eine Herausforderung, den Traditionsverein vor der drohenden Pleite zu retten“: Preußen-Chef Roman von Alvensleben zieht nach 100 Tagen eine positive Zwischenbilanz.

Fotos: nls



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