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Tischtennis: Dimitrij Ovtcharov über Ma Long, Medaillenchancen, Orenburg und verkrustete Strukturen

„Mein Ziel heißt Finale“

HAMELN. Dimitrij Ovtscharov ist in Tündern aufgewachsen. Heute ist der 27-jährige Tischtennis-Nationalspieler die Nummer fünd der Weltrangliste. Im Interview mit dieser Zeitung spricht „Dima“ über seine Chancen bei den Olympischen Spielen in Rio, verkrustete Strukturen im Verband und den schier unbesiegbaren Ma Long.

veröffentlicht am 27.07.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:10 Uhr

Als im April 1986 Block 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl explodierte, fassten Mikhail und Tatyana Ovtcharov alsbald den Entschluss, ihre ukrainische Heimat zu verlassen. Von Kiew zog die Familie zunächst nach Polen und 1992 dann ins beschauliche Tündern, wo Vater Mikhail, einst sowjetischer Nationalspieler, und Mutter Tatyana ihrem Sohn Dimitrij die Grundlagen des Tischtennissports beibrachten. Heute ist „Dima“ Ovtcharov die Nummer fünf der Weltrangliste – hinter vier Chinesen. In einem Interview mit dieser Zeitung spricht der 27-Jährige über seine Chancen bei den Olympischen Spielen in Rio, verkrustete Strukturen im Verband, seinen Club Fakel Orenburg und den schier unbesiegbaren Ma Long.

Dima, Sie gelten als äußerst kontrolliert und diszipliniert, an der Platte, aber auch im sonstigen Leben. Woher stammen diese für einen jungen Menschen nicht selbstverständlichen Eigenschaften?

Dimitrij Ovtscharov: Diesen Weg hat mir mein Vater aufgezeigt. Durchdachte Planung, Selbstdisziplin und Kontrolle in allen Lebensbereichen habe ich von ihm gelernt. Er hat mir immer gesagt, dass ein erfolgreicher Sportler auch ein akribischer Arbeiter außerhalb der Halle sein muss. Eine gute Organisation erleichtert vieles, alles auf den letzten Drücker zu erledigen, macht nur Stress. Die Karriere eines guten Sportlers ist relativ kurz, da gilt es, keine Zeit zu verlieren. Oder glauben Sie etwa, Tennisstar Novak Djokovic würde irgendetwas dem Zufall überlassen?

Können Sie auch loslassen vom Tischtennis? Wenn ja, was machen Sie dann?

Wer nicht loslassen kann, verkrampft. Wenn ich aus dem Training komme, schalte ich ab. Meine Frau und ich gehen spazieren oder ins Kino, wir besuchen Freunde oder haben Gäste. Und wenn wir uns über Tischtennis unterhalten, dann ist dies wohltuend, denn meine Frau ist ja vom Fach. Sie weiß um meine harte Arbeit, sie unterstützt mich, wo sie nur kann, sie stellt keine merkwürdigen Fragen.

Was haben Sie in der Vorbereitung auf Rio anders gemacht als sonst vor großen Turnieren?

Natürlich verändern meine Trainer und ich in der Vorbereitung auf große Turniere immer einiges, denn Stillstand bedeutet Rückschritt. Ich will nicht zu viel verraten, ich kann aber sagen, dass wir mehr Wert gelegt haben auf Fitness und eine gute Physis. Ich habe das Gefühl, es geht von Woche zu Woche bergauf.

Sie haben Ma Long, die Nummer eins der Welt, noch nie besiegen können. Was macht ihn so stark?

Er hat das perfekte Spiel. Sein Selbstvertrauen ist unerschütterlich, selbst Fan Zhendong, Xu Xin und Zhang Jike, seine Top-Landsleute, haben meist keine Chance gegen ihn. In den ersten Bällen nagelt er dich an die Wand, nur wenn eine Rallye länger dauert, kannst du punkten.

Wann ist die Zeit reif, Ma Long zu schlagen?

Es wäre für die Psyche fatal, wenn ich in das Olympische Turnier mit dem festen Willen gehen würde, Ma Long zu besiegen. Ich möchte weit kommen, ich möchte mir keinen Vorwurf machen, nicht alles getan zu haben. Was am Ende dabei herausspringt, ist nicht zu sagen. Bei einer solchen Veranstaltung kann alles passieren.

Fehlen Ihnen in Düsseldorf die richtigen Trainingspartner, um Ma Long und Zhang Jike dauerhaft gefährlich werden zu können?

Das kann man so sagen. Wir haben zwar in Düsseldorf Europas führendes Trainingszentrum, von den besten Chinesen ist jedoch niemand als Sparringspartner zu bekommen.

Sie spielen schon seit 2010 für Fakel Orenburg, haben gerade bis 2019 verlängert und sind in Russland, nicht zuletzt weil Sie die Sprache beherrschen, ein Volksheld. Ist der Zeitunterschied von vier Stunden nicht eine körperlich zu große Belastung für Sie als Profi?

Wenn ich fliege, ist es hart, doch ich bin durchschnittlich nur sechsmal pro Jahr in Russland. Diese Belastung halte ich für überschaubar. Wenn Borussia Düsseldorf mit dem Bus nach Plüderhausen oder Ochsenhausen unterwegs ist, ist das auch kein Zuckerschlecken. Tatsache ist, dass ich in Orenburg deutlich mehr Geld verdienen kann, als mir ein deutscher Club bezahlen könnte. Da lohnt es sich schon, sich in den Flieger in Richtung kasachischer Grenze zu setzen. Dass ich in Russland allerdings ein Volksheld sei, ist wohl zu hoch gegriffen, ich glaube, ich bin in China bekannter. Russen sind sehr reserviert, Chinesen sind viel enthusiastischer.

Sie haben Ende vergangenen Jahres deutliche Worte gefunden und Strukturen, aber auch Personen hinterfragt. Täuscht es, oder hat sich Tischtennis im Gegensatz zu anderen Sportarten in den letzten zehn, 15 Jahren nicht weiterentwickelt?

Ich denke, es war höchste Zeit, aus Sicht eines Aktiven mal die Probleme klar zu benennen. Thomas Weikert, der Weltverbandspräsident, ist ein Top-Mann, doch auch er benötigt Zeit, um verkrustete Strukturen aufzubrechen, um Gremien mit hohem Altersdurchschnitt umzukrempeln, um seine Visionen durchzusetzen.

Wo klemmt es?

Wir hatten in den vergangenen Jahren viele Regeländerungen, was eigentlich schlecht ist, weil zum Beispiel Reporter den Sport ständig neu erklären müssen. Erst war das frische Aufkleben der Belege vor jedem Spiel erlaubt, dann war es wieder verboten, dann wurden bestimmte Mittel wieder erlaubt. Dann wurde die Norm der Beläge verändert, dann wurden die Bälle größer, dann wurde das Material verändert, und jetzt werden die Bälle wieder anders. Nichts von alledem macht den Sport für den Zuschauer attraktiver. Und mit den neuen Plastikbällen haben wir sogar große Schwierigkeiten, weil die Qualität von vielen Herstellern nicht so gut ist. Viel zu viele Ballwechsel werden durch verspringende Bälle gestört und entschieden. Außerdem sind viele Turniere zu schlecht organisiert. Hallen, Hotels und Verpflegung sind auf keinem guten Niveau. Diese Veranstaltungen werten unseren Sport ab. Wenn wir die Bälle verbessern könnten, Chancengleichheit beim Equipment hätten und nur gute Turniere veranstalten würden, würden wir uns in die richtige Richtung bewegen. So aber entfernen wir uns mehr und mehr davon und haben die Quittung dafür bekommen. Der Hauptsponsor des Weltverbandes ITTF ist vergangenes Jahr abgesprungen. Dadurch wird das Preisgeld der Pro Tour, zu der beispielsweise die German Open, die China Open und die Katar Open gehören, um etwa 40 Prozent reduziert.

Gibt es Sportarten, an denen sich Tischtennis orientieren sollte?

Vor einigen Jahren lagen wir mit Badminton ungefähr auf einer Ebene mit circa 2,5 Millionen Euro Gesamtpreisgeld. Dabei war Badminton schon damals der wesentlich kleinere Sport. Jetzt aber, seitdem Badminton ein neues Management hat, haben sie das Preisgeld auf zehn Millionen Euro gesteigert. Wir hingegen haben Einbußen. Wenn ich ein großes Turniers wie die China Open gewinnen würde, dann bekäme ich rund 15 000 Euro für den Einzeltitel. Minus Steuer. Die China Open sind von der Bedeutung her wie Wimbledon im Tennis. Das Turnier gewinnst du einmal im Leben – oder gar nicht. Und dann bekommst du 15 000 Euro dafür? Und bei einem kleinen Turnier gewinnst du maximal 2000 Euro. Wenn du Flug, Verpflegung und Hotel abziehst, bist du eigentlich im Minus. Da stimmt einiges nicht.

In Rio stehen Ihre Chancen nicht schlecht, denn es dürfen nur zwei Chinesen starten ...

Vor vier Jahren in London habe ich Bronze gewonnen, habe aber mein Niveau kontinuierlich steigern können. Mein Ziel heißt Finale, die Chance ist da.

Hat es sich gelohnt, dass Sie Ihre Teilnahme an der Team-WM in Kuala Lumpur aufgrund einer Zerrung in der Rückenmuskulatur abgesagt haben, um Olympia nicht zu gefährden?

Das war eine schwere Entscheidung, doch sie hat sich gelohnt. Nur mit Tabletten und Spritzen anzutreten, machte keinen Sinn mehr. Jetzt bin ich fit und voller Tatendrang.

Interview: Alexander Fischer

Zur Person: Dimitrij Ovtcharov wurde am 2. September 1988 im ukrainischen Kiew geboren. Nachdem die Familie nach Deutschland übersiedelte, schloss er sich dem TSV Schwalbe Tündern an, mit dem er 2005 in die Bundesliga aufstieg. Nach Stationen bei Borussia Düsseldorf und Royal Villette Charleroi in Belgien spielt er seit 2010 für Fakel Orenburg in Russland. Der Weltranglisten-Fünfte holte bei Olympia 2012 in London Bronze im Einzel. 2013 und 2015 wurde er Europameister, außerdem gewann er das Europa-Top-16-Turnier schon dreimal. Mit der Mannschaft gewann er dreimal WM-Silber und sechsmal EM-Gold. Trainiert wird der Nationalspieler von seinem Vater Mikhail, dem ehemaligen schwedischen Weltklasseakteur Jörgen Persson, Bundestrainer Jörg Roßkopf und dessen Assistenten Zhu Xiaoyong. Verheiratet ist Ovtcharov seit 2014 mit Schwedens Ex-Jugend-Nationalspielerin Jenny Mellström.



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