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Hinter den Kulissen des Niedersachsenpokals: Der prüfende Blick in den Spiegel ist für Tänzerinnen vorm Auftritt ein Muss

Lisa-Marie tanzt mit Pfennigabsätzen Cha-Cha-Cha

Im großen Saal der Rattenfängerhalle dröhnt die Musik aus den Boxen. Die zehn mal zwölf Meter große Parkettfläche wurde extra für den 11. Niedersachsenpokal verlegt. Die Technik funktioniert – und trotzdem wird der CD-Player im Laufe des Abends gleich zwei mal streiken…

veröffentlicht am 14.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 04:41 Uhr

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Während die ersten Tanzpaare schon bei den Proben mit einem Lächeln auf den Lippen über das Parkett schweben, lässt der Rest noch auf sich warten. Nach und nach trudeln Frauen und Männer aus ganz Niedersachsen in den Umkleidekabinen ein – entweder mit langen Kleidersäcken bepackt oder Trolllis ziehend. Auch Lisa-Marie Michalke vom TC Hameln hat die gesamte Ausstattung, die sie für den großen Auftritt braucht, in einer nicht einmal besonders großen Umhängetasche verstaut: Das superminikurze „Graue“ mit dem tiefen Rückenausschnitt, champagnerfarbene Sandaletten mit Pfennigabsätzen, ein Schminktäschchen und eine Strumpfhose, deren glitzernde Oberfläche selbst in der schwach beleuchteten Umkleide ins Auge sticht. Für den Fall, dass sie mit den Absätzen wieder einmal Laufmaschen in das transparente Beinkleid schrammt, hat die junge Tänzerin auch zwei Ersatzstrumpfhosen eingepackt – und eine Bürste, um die Sohle der Tanzschuhe aufzurauen.

Fröstelnd schält Lisa-Marie sich aus der warmen Kleidung, schlüpft in das sexy Outfit. Ihr 16-jähriger Tanzpartner Anton Pirogov lässt immer noch auf sich warten. Das ist aber nicht so schlimm. Die Herren der Schöpfung benötigen ja bekanntlich weniger Zeit, um sich in Schale zu werfen…

Lisa-Marie beginnt mit den Aufwärmübungen. Die 16-Jährige stretcht Beine, Füße und Arme. Es ist erstaunlich ruhig und übersichtlich im Backstage-Bereich, wo sich übrigens Männer und Frauen gelassen und ganz ungeniert eine Umkleidekabine teilen. „Auch Männerbeine können schön sein“, flachst ein Tänzer, der gerade seine Hose herunterlässt. Hinter den Kulissen ist die Stimmung gut. Auch in der Kabine, wo man normalerweise wegen des Haarspray-Nebels kaum atmen kann, ist diesmal keine dicke Luft. Damit die Frisur nicht schon nach den ersten Takten wie vom Winde verweht aussieht, können die Frauen eigentlich auf Haarfestiger aus der Sprühdose nicht verzichten. Doch diesmal ist irgendwie alles anders. Vor dem Spiegel drängeln sich nicht einmal die Tänzerinnen, um sich ein bühnenreifes Make-up auf das Gesicht zu zaubern. Einige ziehen zwar den Lippenstift nach, werfen einen prüfenden Blick in den Spiegel – mehr nicht. Verschwinden die Paare bei anderen Veranstaltungen oft hinter den Kulissen, um das Äußere aufzufrischen und sich zwischen den Einsätzen zu stärken, bleiben bei diesem „Spaß“-Turnier die Lichter in den Kabinen aus: Die vollen drei Stunden stehen die Tänzer mitten im Geschehen.

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Und während sie hinter den ausverkauften Tischplätzen auf ihren Einsatz warten, kreisen sie Arme und Schultern oder wippen mit den Füßen auf und ab, um nicht kalt zu werden. Schließlich müssen die Gelenke geschmeidig bleiben. Weniger Aufwand treibt die sechzehnjährige Lisa-Marie. Um warm zu bleiben, reicht ihr eine kuschelige Fleece-Jacke. Und in puncto Kleidung gibt die Tanzsport-Ordnung den Jüngeren sowieso klare Vorschriften vor, erklärt Gabriele Schuck, Pressesprecherin des Niedersächsischen Tanzsportverbandes. 6,5 Zentimeter Absatzhöhe ist für Lisa-Marie genau richtig, zumal sie ihren Tanzpartner an Größe nicht überbieten sollte. Schließlich achten die Wertungsrichter ja nicht nur auf Technik und Fußarbeit, sondern auch auf das optische Bild. Die Köpfe aller Damen und Herren, die an dem Turnier teilnehmen, sehen aus wie aus dem Ei gepellt.

„Wo ist denn bloß die Maske?“, fragt man sich. Aber nach einem Schminkraum sucht man vergeblich. Fast das komplette Styling-Programm wird bereits zu Hause erledigt. „Selbstbräuner habe ich drei Tage vorher aufgetragen, den Nagellack am Vorabend, Make-up ein paar Stunden vor dem Auftritt“, plaudert Doris Nagel aus Nienburg aus dem Nähkästchen. Die mit glitzernden Haarspangen und -clips bespickte Frisur habe ihr Ehemann und Tanzpartner Ulf in gut einer Stunde hinbekommen. Wie eine funkelnde Schmuckschatulle kommt die Hamelnerin Claudia Schiffling allerdings nicht daher: Außer dem dezent mit Strass besetzten orangefarbenen Kleid fällt nur das Glitzerpuder auf ihren Wangen auf. „Und wir Männer haben bei der Garderobe sowieso nur die Wahl zwischen tiefschwarz und Mitternachtsblau“, sagt Arnold Schiffling, der einen schwarzen Frack trägt. Während er seiner Frau lachend den Reißverschluss des Kleides hochzieht, haben Lisa-Marie und Anton beim Samba noch Übungsbedarf. Weil sein Magen vor Hunger knurrt, will Anton auf eine deftige Bratwurst nicht verzichten. Im Gegensatz dazu möchte seine hübsche Tanzpartnerin lieber noch einmal die Promenade bei der Samba üben. Schließlich werden sich die Blicke der rund 300 Zuschauer auf die Hauptdarsteller richten, die über das Parkett schweben: Die Standardtänze – vom langsamen Walzer über Tango, Wiener Walzer, Slowfox und Foxtrott bis zum Quickstepp, begeistern das fachkundige Publikum. Gleiches gilt für die Lateinamerikanische Tänze: Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba, Paso Doble und Jive. Am späten Abend kämpfte Lisa-Marie gegen die aufkommende Müdigkeit an – der Tag, der erst gegen 23 Uhr zu Ende geht, war lang. Ein letztes Mal muss das junge Tanzpaar, das in das rote Team gelost wurde, noch einmal alles geben. Zum Sieg reichte es zwar nicht, aber immerhin zum zweiten Platz. Den Niedersachsenpokal schnappte das grüne Team den „Roten“ vor der Nase weg. Enttäuscht war aber niemand, nur erschöpft.

Auf dem Tanzparkett zeigen Anton Pirogov und seine Partnerin Lisa-Marie Michalke ihr Können. Das Duo des TC Hameln scheint den Rhythmus im Blut zu haben.



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