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Fußball: Wallensens Traum-Torschütze ist von Geburt an gehörlos und spielt für die Nationalmannschaft

Jan Medewitz – der stille Held

WALLENSEN.Jan Medewitz ist 25 Jahre alt, gehörlos und spielt Fußball – für WTW Wallensen und die deutsche Nationalmannschaft. Innerhalb von nur sieben Minuten schoss der Stürmer am Dienstag in Algesdorf zwei „Jahrhundert-Tore“, die in der deutschen Fußball-Geschichte wohl einmalig sein dürften.

veröffentlicht am 13.06.2018 um 15:17 Uhr

Enttäuscht: Jan Medewitz (WTW Wallensen) Foto: nls
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Andreas Rosslan Sportreporter zur Autorenseite
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Erst schoss er zwei Traum-Tore, doch am Ende war Jan Medewitz bei der 2:5-Niederlage von WTW Wallensen im Relegations-Endspiel gegen den TSV Algesdorf der tragische Held. Dem 25-jährigen Stürmer, der von Geburt an gehörlos ist, war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, als er nach dem Schlusspfiff mit hängendem Kopf auf dem Rasen saß: „Ich bin traurig, dass wir den Aufstieg in die Bezirksliga nicht geschafft haben. Wir haben alles gegeben und sogar 2:0 geführt, aber am Ende hat es leider nicht gereicht.“

Trotz der Enttäuschung wird Wallensens stiller Held diesen Tag wohl nie vergessen: „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben in einem Spiel zwei Tore geschossen.“ Und was für welche!

Mit Superlativen ist das ja immer so eine Sache. Aber der sympathische Gehörlosen-Nationalspieler hat innerhalb von nur sieben Minuten zwei „Jahrhundert-Tore“ geschossen, die in der deutschen Fußball-Geschichte wohl einmalig sein dürften.

Es lief am Dienstagabend die 26. Minute, als Algesdorfs Keeper Maximilian Rother mal wieder ziemlich weit vor seinem Tor stand. Und das nutzte Wallensens Stürmer eiskalt aus. Als Medewitz den Ball bekam, fasst er sich ein Herz und zog kurz vor der Mittellinie einfach ab. Was folgte, war ein Wahnsinns-Tor aus über 50 Metern! Die 480 Zuschauer rieben sich die Augen und staunten. Umso mehr, als ihm nur sieben Minuten später das Kunststück noch einmal gelang: Wieder ein Traum-Tor, wieder von der Mittellinie. „Als ich gesehen habe, dass der Torwart außerhalb des Strafraums steht, habe ich es einfach versucht. Unglaublich, dass es sogar zweimal geklappt hat“, konnte Medewitz sein Glück kaum fassen. Mit seinen zwei Super-Toren stellte er den Spielverlauf zu diesem Zeitpunkt auf den Kopf. Algesdorf hatte Torchancen en masse und hätte nach 20 Minuten schon 4:0 führen können. Die ohne acht Stammspieler angereiste Wallensener Notelf kämpfte zwar tapfer, war aber im Angriff zu harmlos und unterm Strich chancenlos. Doch dann stand es plötzlich 2:0 für WTW. Doch um den Zwei-Tore-Vorsprung über die Zeit zu retten, fehlte den Wallensern nach dem Mammut-Programm mit den vielen englischen Wochen in der Rückrunde am Ende die Kraft. Bei den Kreisligakickern von WTW war der Akku leer. Das spielte den Algesdorfern in die Karten.

Wallensen brach total ein, kassierte ein Tor nach dem anderen und verlor am Ende klar mit 2:5. Für Medewitz war es vorerst das letzte Spiel im rot-weiß gestreiften WTW-Trikot: „Ich werde demnächst am Fuß operiert und falle voraussichtlich die komplette Hinrunde aus.“ Doch vor seiner Fuß-OP ist der 25-Jährige noch für die deutsche Gehörlosen-Nationalmannschaft im Einsatz. „Wir haben am Samstag ein EM-Qualifikationsspiel gegen Serbien.“ Deshalb reiste Medewitz direkt nach dem Relegationsspiel nach Bochum zur Fußball-Nationalmannschaft des Deutschen Gehörlosen-Sportverbandes (DGS): „Es wäre ein Traum, wenn wir uns für die Europameisterschaft 2019 in Griechenland qualifizieren“, sagt Medewitz, der auch mit WTW ehrgeizige Ziele hat: „Wir werden in der neuen Saison wieder versuchen, in die Bezirksliga aufzusteigen. Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr.“

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