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Urs Mühlethaler trainiert heute Nottwils Meisterfrauen

In Hameln gefeuert – in der Schweiz gefeiert

HAMELN/USTER. Was macht eigentlich Trainer-Legende Urs Mühlethaler? Der 62-jährige gebürtige Berner schrieb als Europapokalfinalist 1996 das international erfolgreichste Kapitel des ehemaligen Handball-Bundesligisten SG VfL/BHW Hameln mit. Heute trainiert er in der Schweiz Nottwils Meisterfrauen.

veröffentlicht am 22.06.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:12 Uhr

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Roland Giehr

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Roland Giehr Leiter Sportredaktion zur Autorenseite

Seine bemerkenswerte Handball-Vita liest sich wie die Speisekarte eines Schweizer Gourmet-Restaurants mit Michelin-Stern. Alles nur vom Feinsten, auch wenn sich ein paar ganz kleine Flecken auf der ansonsten blütenweißen Tisch-Serviette tummeln. Urs Mühlethaler ist nicht nur im Land der Eidgenossen mit fünf Meistertiteln praktisch eine lebende Trainer-Legende, der 62-jährige gebürtige Berner schrieb auch das international erfolgreichste Kapitel des ehemaligen Bundesligisten SG VfL/BHW Hameln mit.

Über zwei Jahrzehnte ist es nun schon her, als der damalige Schweizer Trainer des Jahres, der kurz zuvor die Nationalmannschaft bei der WM in Island auf Platz sieben und damit zu Olympia geführt hatte und ganz nebenbei auch noch Meister mit Pfadi Winterthur geworden war, in Hameln anheuerte. „Die Bundesliga war damals eine große Herausforderung für mich und Hameln eine sehr gute Adresse“, erinnert sich der in Fachkreisen getreu seinem Motto „95 Prozent reichen nicht“ als harter Hund bekannte Mühlethaler.

Ausgestattet mit einem gut dotierten Zwei-Jahres-Vertrag, sollte und wollte er den VfL in eine große Zukunft führen – doch das erhoffte Happy End fiel aus. Obwohl sein erstes Jahr in Hameln erfolgreich verlief, wurde er zu Beginn seiner zweiten Saison bereits nach dem 9. Spieltag vorzeitig entlassen. Zuvor hatte der stets akribisch arbeitende Eidgenosse das damalige Team um den mazedonischen Top-Torjäger Pepi Manaskov noch bis ins Finale des europäischen City-Cups geführt, dort allerdings gegen die starken Norweger von Drammen HK die Segel streichen müssen. Doch auch dieser Hamelner Erfolg für die Ewigkeit nutzte Urs Mühlethaler nichts – Platz neun in der Bundesliga war ebenso schnell wieder vergessen. Aber wie kam es 1996 zu seinem Rauswurf?

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  • Vertragsunterzeichnung in Hameln 1995: Urs Mühlethaler und Peter Othmer. Foto: Archiv
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  • Mühlethalers Autogrammkarte von 1996. Foto: Archiv

„Die Mannschaft hatte ein hohes Durchschnittsalter und ihren Zenit fast schon überschritten. Ich wollte deshalb den fälligen Verjüngungsprozess einleiten, stieß damit aber auf taube Ohren beim Management. Und plötzlich stand ich ganz allein da. Auch sportlich lief auf einmal nichts mehr. Aber sicherlich habe ich auch ein paar Fehler gemacht“, erinnert sich der heute hauptberuflich im Bereich Coaching von Führungskräften tätige Unternehmer noch haargenau an den Bruch mit dem VfL. Kleine Kuriosität am Rande: Kurz vor Saisonbeginn hatte Urs Mühlethaler noch ein überaus lukratives Angebot des damaligen Bundesliga-Spitzenklubs TBV Lemgo ausgeschlagen, „weil ich als Mann der alten Schule meinen Vertrag in Hameln erfüllen wollte“. Nun, das durfte er dann zwar nicht, aber wieder zurück in der Schweiz, drehte sich die Handball-Welt für ihn trotzdem weiter. Natürlich erfolgreich, denn schon 1999 holte er mit dem TV Suhr nach den vorherigen Triumphen mit dem BSV Bern (1980) und Pfadi Winterthur (1993/1995) bereits seinen vierten Meistertitel und war auch wieder kurzfristig Cheftrainer bei der „Nati“. Später agierte der in Uster im Kanton Zürich lebende Mühlethaler noch beim einstigen Hamelner Europacup-Kontrahenten Amicitia Zürich, unterstützte nebenbei seinen Stammverein BSV Bern – und kehrte 2012 auch noch ein zweites Mal nach Suhr zurück. Diesmal allerdings weniger erfolgreich, denn schon nach wenigen Monaten trennten sich die Wege wieder. „Eigentlich hatte ich danach mit dem Handball abgeschlossen und dachte, das war‘s“, wollte sich der 62-Jährige fortan nur noch auf seinen Beruf als Coach von Führungskräften konzentrieren. Der führt ihn übrigens auch öfter noch nach Deutschland, in diesem Fall meistens nach Braunschweig.

Doch wie das eben so ist im Leben: Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Im Fall von Urs Mühlethaler sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Hatte er in seiner langen erfolgreichen Karriere bislang nur mit diversen Männermannschaften gearbeitet, übernahm er 2015 mit Spono Eagles Nottwil erstmals auch ein Frauenteam. Wie kam es dazu? „Der Vorstand hat mich in vielen Gesprächen überzeugt. Wichtig war für mich dabei aber der Leistungsgedanke, denn halbe Sachen mache ich nicht“, begründet Hamelns Ex-Coach seinen überraschenden Schritt aus der Handballrente. Und der hat sich allemal gelohnt, denn schon nach einer Saison ist Urs Mühlethaler wieder da, wo er sich wohl auch am liebsten sieht: Ganz oben. Schweizer Meister mit Nottwils Frauen nach zwei Siegen im Playoff-Finale gegen St. Gallen, erfolgreicher hätte sein Comeback auf der Bank nun wirklich nicht verlaufen können. Auch wenn der 62-Jährige gerne noch das Double geholt hätte. „Das wird nun unser nächstes Ziel sein“, blickt er voraus. Ein Jahr Vertrag hat er noch. Könnte also klappen.



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