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Für Taekwondo-Ass Selina Bartling ist die Sommer-Universiade in Südkorea ein unvergessliches Erlebnis

„Ich bekomme immer noch Gänsehaut“

Gwangju. Zurzeit kämpfen Studenten aus aller Welt bei der 28. Sommer-Universiade in der südkoreanischen Millionenstadt Gwangju in insgesamt 21 Sportarten um Medaillen. Mittendrin statt nur dabei ist auch Coppenbrügges Taekwondo-Ass Selina Bartling. Die 22-Jährige, die in Koblenz studiert, feierte an der Seite von Franziska Schneegans (Uni Hildesheim) und Samira Stetter (TU München) mit Platz neun im Poomsae-Wettbewerb ein gelungenes Debüt bei der zweitgrößten Multisportveranstaltung nach den Olympischen Spielen.

veröffentlicht am 09.07.2015 um 18:05 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:51 Uhr

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Glückwunsch Selina, Platz neun beim Universiade-Debüt. Wie fühlt sich das an?

Großartig! Das gesamte Event war bisher überwältigend und die Platzierung ist eine super Bestätigung, dass sich das ganze Training bezahlt gemacht hat. Bereits der Vorrundenpool war eine Nummer für sich: mit China, Chinese Taipei, Venezuela, Thailand, Vietnam, Türkei, Korea, Iran und Sri Lanka waren sehr leistungsstarke Nationen vertreten. Etwas ärgerlich ist, dass wir den Einzug in die Finalrunden nur knapp verpasst haben. Trotzdem bin ich natürlich super glücklich über das Ergebnis.

Sie haben tagelang Ihrem Wettkampf entgegengefiebert. Wie groß war das Lampenfieber?

Ich war dieses Mal wirklich sehr aufgeregt, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass diese Sportveranstaltung mit ca. 15 000 Aktiven die Größte ist, an der ich je teilnehmen durfte. Als ich im Flugzeug Richtung Südkorea saß, wurde mir erst richtig bewusst, was die nächsten Tage auf mich zukommen wird. Von da an ist dann die Aufregung auch von Minute zu Minute gestiegen. Dementsprechend war das Lampenfieber am Wettkampftag recht hoch.

Was war Ihr erster Gedanke, als morgens um 6 Uhr der Wecker klingelte?

Wegen der Zeitverschiebung habe ich zuerst gedacht: Oh super, Mama und Papa sind noch wach – und habe ihnen direkt geschrieben. Das hilft mir meistens, da meine Eltern immer die richtigen Worte finden, um mich sogar bei 9000 Kilometer Entfernung zu beruhigen und mir Mut zu machen. Ansonsten habe ich nicht viel nachgedacht, beim Turniertag läuft alles routinemäßig ab: schnell duschen, Sachen packen, frühstücken und ab in die Halle.

Und was ging Ihnen alles durch den Kopf, als Sie abends ins Bett gegangen sind? Oder waren Sie so müde, dass Sie gleich eingeschlafen sind?

Abends im Bett war ich sogar zu müde, um meinen Blog fertig zu schreiben. Ich habe gemerkt, wie der komplette Druck von mir abgefallen ist und war physisch natürlich auch total kaputt. Deswegen habe ich abends einfach noch einmal alle Erlebnisse auf mich wirken lassen und habe anschließend ziemlich früh die Augen zugemacht.

Sie haben in Ihrer Karriere auf nationaler und internationaler Ebene schon so viele Medaillen und Siegerpokale gewonnen, dass man fast den Überblick verlieren kann. Welchen Stellenwert hat der 9. Platz bei der Universiade für Sie?

Diese Platzierung war meine erste auf Weltniveau. Deswegen ist sie schon anders zu bewerten als die Vorigen. Bisher war ich zwar schon auf internationalen Turnieren unterwegs, jedoch lediglich im europäischen Raum. Sich das erste Mal mit Südkorea, dem „Mutterland des Taekwondo“, zu messen, war für mich persönlich etwas Besonderes.

Die Universiade, die Weltspiele der Studenten, ist ein Event fast wie Olympia. Die Eröffnungsfeier muss ja atemberaubend gewesen sein…

Die Eröffnungsfeier war wirklich atemberaubend. Bisher habe ich Eröffnungsfeiern von Olympia nur im Fernsehen gesehen und hätte nicht damit gerechnet, sowas einmal live erleben zu können. Bereits das Einlaufen in das Stadion war ein ganz besonderer Moment, den ich sicherlich nie vergessen werde. Anschließend gab es eine zweistündige Darbietung aus traditioneller und moderner südkoreanischer Kultur. Auch hier haben sich die Gastgeber nichts zuschulden kommen lassen. Von Feuerwerk, Tänzen, Taekwondo und anderen Showeinlagen war alles dabei. Höhepunkt der Eröffnungsfeier war natürlich das Entfachen des Universiade-Feuers, wenn ich an diesen Moment denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut.

Südkorea ist das Mutterland des Taekwondo. Haben Sie Zeit gehabt, Land und Leute kennenzulernen?

Ich war vor genau fünf Jahren schon einmal für ein Trainingslager in Südkorea. Daher sind mir Leute und Land nicht mehr ganz unbekannt. Hier werden jedoch auch organisierte Touren angeboten, die man als Athlet in seinen Tagesablauf einbauen kann. Die Mentalität der Menschen bekommt man hier überall mit! Alle „Volunteers“ sind Einheimische und immer sehr hilfsbereit und zuvorkommend. Als Europäer ist man hier etwas Besonderes und spätestens nach dem dritten Tag hat man sich auch daran gewöhnt ständig „Kimchi“-Fotos (bei uns: Cheeeese) mit Passanten zu machen, weil diese gar nicht glauben können, dass die ganze Welt zurzeit bei ihnen zu Besuch ist.

Stimmt es, dass die Sportler die Mahlzeiten in der Tiefgarage serviert bekommen?

Ja, das stimmt tatsächlich. Um die Sache etwas aufzuklären, hilft vielleicht der Hintergrund, dass wir in einem komplett neu gebauten Komplex, bestehend aus 30 Hochhäusern mit jeweils 31 Stockwerken leben. Wir sind quasi die Erstmieter und in der dazugehörigen Tiefgarage stehen auch noch keine Autos. Das lässt die Tatsache vielleicht etwas harmloser klingen. Die Tiefgarage bietet dabei den nötigen Platz alle Sportler, Trainer und Organisations-Teams gleichzeitig abzufüttern – und das sind ca. 20000 Menschen!

Haben Sie im Athletendorf auch einige prominente Sportler getroffen?

Wenn man selbst im Leistungssport unterwegs ist, interessiert man sich automatisch auch sehr für andere Sportarten, weshalb man die meisten Mitreisenden schon vom Sehen oder Hören kennt. Der wohl prominenteste ist Fabian Hambüchen, der deutsche Turner.

Was haben Sie in den nächsten Tagen noch vor, außer für Klausuren zu büffeln?

Die Lerneinheiten schiebe ich immer so in meinen Tagesablauf, dass ich noch genügend Zeit für andere Sachen habe. Unsere Taekwondosportler sind noch nicht alle gestartet, weshalb wir noch ganz normales Training haben. Auch für mich geht es nach dem Wettkampf mit dem Training weiter, da wir hier im Athletendorf die besten Voraussetzungen haben und diese auch nutzen wollen. In den nächsten Tagen werde ich versuchen, mir so noch so viele Sportarten wie möglich anzuschauen. Unsere Basketballer sind heute zum Beispiel Gruppensieger geworden und spielen bald das Viertelfinale, also: Daumen drücken!

Und wann geht der Flieger zurück?

Wir fliegen am 15. Juli um 14 Uhr zu koreanischer Zeit los. Den Abend davor findet noch die riesige Abschlussfeier statt, zu der alle Athleten eingeladen sind. Der Rückflug dauert elf Stunden und wegen der Zeitverschiebung werde ich, wenn alles nach Zeitplan läuft, um ca. 18.30 Uhr in Frankfurt landen. Von da aus geht es für mich direkt wieder nach Köln, wo anschließend die Klausuren auf mich warten. Danach habe ich jedoch eine kurze Trainingspause, in der ich dem schönen Hameln mal wieder einen Besuch abstatten werde.

Interview: Andreas Rosslan



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