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Geburtstagsgrüße aus Moskau

HAMELN. Isengard Franke – die „Grande Dame“ des Hamelner Fechtsports wird am 23. März 90 Jahre alt.

veröffentlicht am 23.03.2018 um 00:00 Uhr

Isengard Franke, die „Grande Dame“ des Hamelner Fechtsports, wird heute 90 Jahre alt. Foto: nls/pr
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Vassili Golod Reporter
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Sie ist die „Grande Dame“ des Hamelner Fechtsports: Isengard Franke feiert am 23. März ihren 90. Geburtstag. Eins der vielen Talente, die „Frau Franke“ ausgebildet hat, ist TC-Fechter Vassili Golod. Für unsere Leser hat der 25-Jährige, der beim WDR arbeitet und zurzeit aus dem ARD-Studio Moskau über Russland berichtet, seine Erinnerungen aufgeschrieben.


Ich kenne sie, seitdem ich denken kann. Zum ersten Mal sind wir uns begegnet, als ich drei Jahre alt war. Mein Vater hat mich damals zu seinem Fechttraining beim TC Hameln mitgenommen. Ich bin in die Halle gekommen, habe mir Sportschuhe angezogen, mich an den Rand gesetzt und zugeschaut. Es roch nach Schweiß, Klingen schlugen aufeinander. Es war wuselig und laut. Mittendrin war sie: Eine freundliche ältere Dame mit grauen Haaren und einem sympathischen Lächeln. Alle nannten sie liebevoll „Frau Franke“. Mit fünf Jahren durfte ich selbst zum ersten Mal ein Florett in die Hand nehmen. Es war viel zu schwer für mich. Meine Fechthose, die eigentlich bis zu den Knien gehen sollte, hing mir bis zu den Fußgelenken runter. Für einen Fechter war ich viel zu klein und viel zu schwach – zumindest damals. Frau Franke machte das nichts aus. Sie nannte mich „Mein Junge“ und hatte immer ein offenes Ohr und einen weisen Rat. Sie hatte eine besondere, unvergleichliche Art, die man nur mögen konnte. Es ging einfach nicht anders. In all den Jahren, die ich später beim TC Hameln fechten sollte, war Frau Franke immer die erste, die in die Halle gekommen ist. Und sie war die letzte, die die Halle verlassen hat.

Frau Franke war immer da. Beim Training, beim Turnier. Jeder kannte sie, jeder mochte sie, jeder respektierte sie – ohne Ausnahme.

TC-Fechter Vassili Golod

Geduldig brachte sie mir die ersten Fechtschritte bei. Geduld war ihre wichtigste Tugend. Sie zeigte mir, wie ich mit dem Florett zustoße und wie ich mich mit Paraden verteidige. Mein Vater, selbst ein ambitionierter Fechter, war sehr streng mit mir. Wenn er mal wieder über meine Anfängerfehler schimpfte, parierte Frau Franke für mich. Sie erklärte ihm dann mit ihrer feinsinnigen Art, dass jeder Fechter für seine Entwicklung Zeit braucht. Frau Franke gab mir diese Zeit und nahm sich Zeit für mich. Sie machte mir Mut, wenn ich mit mir haderte. Sie glaubte an mich. Bei meinem ersten Turnier stand sie neben der Planche. Nach jedem Treffer schaute ich zu ihr rüber. Mal klatschte sie, mal nickte sie, mal gab sie mir einen taktischen Ratschlag. Isengard Franke stand eigentlich bei allen meinen Gefechten neben der Planche. Viele Jahre lang. Und wenn sie mal nicht da war, fehlte etwas. Sie wurde nie laut. Ihre Anweisungen waren ruhig und präzise. Nervös war ich schon genug. Frau Franke gab mir die nötige Ruhe und Kraft. Sie lobte gute Aktionen und analysierte nüchtern meine Fehler. Einmal lag ich bei der Landesmeisterschaft weit zurück, glaubte nicht mehr an einen Sieg. Es ging um den Einzug ins Halbfinale. In der Gefechtspause erklärte mir meine Trainerin, was zu tun ist. Ich setzte es um, drehte das Gefecht, gewann. Wir lagen uns minutenlang in den Armen. Das ist nur einer von vielen gemeinsamen Momenten, die ich niemals vergessen werde. Meine ersten Turniere habe ich alle gewonnen. Ich war sehr jung und oft der einzige Teilnehmer in meiner Altersklasse. Später kamen mehr Gegner, die ersten Niederlagen – und viele Tränen. Sie tröstete mich und brachte mir bei, wie man mit Niederlagen umgeht. Frau Franke legte Wert auf schöne Gefechte und saubere Treffer. Vor allem war ihr aber wichtig, dass sich ihre Fechter sportlich verhielten. Gegnern, Trainern und Kampfrichtern die Hand geben – auch nach einer schmerzhaften Niederlage – war immer das Wichtigste. Frau Franke war immer da. Beim Training, beim Turnier. Jeder kannte sie, jeder mochte sie, jeder respektierte sie – ohne Ausnahme.

Als Trainerin hat sie beim TC Hameln Generationen von Fechtern geprägt. Axel Klages, Marlen Grebehem, Ronja Laeger, Malte Magerkurth und Lisa Holste sind nur einige der erfolgreichen Fechter von heute. Weit vor uns hat Frau Franke sieben Hamelner Fechter zu Deutschen Meistern ausgebildet. Sie selbst holte 2001 Bronze bei den Europameisterschaften der Senioren. Trotz der vielen Erfolge blieb sie immer bescheiden. Heute feiert die „Grande Dame“ des Hamelner Fechtsports ihren 90. Geburtstag. Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat sie als Trainerin ihren Schützlingen gewidmet. Aus medizinischer Sicht hat Frau Franke ein viel zu kleines Herz. Aus menschlicher Sicht kann ich mir niemanden vorstellen, der ein größeres Herz haben kann als sie. Liebe Frau Franke, im Namen der Fecht-Familie gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen zu Ihrem 90. Geburtstag. Bleiben Sie gesund. En Garde!



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