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Pyrmonts Vereinschef Lars Diedrichs zum Eklat nach dem Derby und der sportlichen Situation

„Einen Maulkorb hat es nie gegeben“

Bad Pyrmont. Der Pyrmonter 3:2-Sieg im brisanten Stadtderby der Fußball-Bezirksliga gegen Germania Hagen am vergangenen Freitag geriet fast zur Nebensache. Topthema war plötzlich der Versuch der Pyrmonter Vereinsführung, einen Dewezet-Sportredakteur nach Abpfiff der Partie am Betreten des Spielfeldes zu hindern. Wir befragten Vereinschef Lars Diedrichs nach seinen Gründen und zur allgemeinen Situation bei der Spielvereinigung.

veröffentlicht am 11.09.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:49 Uhr

Herr Diedrichs, Ihr Fußball-Chef Heiko Begemann und Sie haben lautstark versucht, einen Dewezet-Sportredakteur nach dem Derby gegen Germania Hagen am Betreten des Platzes zu hindern. Das Thema war danach Stadtgespräch und hat es sogar bis ins Radio geschafft. Was waren Ihre Gründe?

Vorweg: Lautstark ist es durch den Dewezet-Redakteur geworden. Sowohl im Vorfeld als auch in dem Moment, ist ihm mit der gebotenen Höflichkeit mitgeteilt worden, dass er bitte am Spielfeldrand auf die Spieler warten möchte. Letztendlich konnte auch der Hinweis, dass wir das Hausrecht ausüben, ihn nicht davon abhalten, den Platz zu betreten. Diese Faktenlage möge jeder für sich selbst bewerten.

Offensichtlich besteht doch aber ein angespanntes Verhältnis zur Presse. Wie sonst ist es zu erklären, dass Begemann den Spielern als es in letzter Zeit sportlich nicht so lief, einen Maulkorb verpassen wollte. Mögen Sie keine kritische Berichterstattung?

Sie, Herr Giehr, und ich haben zum Ende der letzten Saison einige Male am Telefon sehr offen gesprochen. Vieles davon hat Eingang in Ihre Berichterstattung gefunden bis hin zu dem – zu Recht – sehr kritischen Kommentar nach dem verlorenen Relegationsspiel. Dem haben wir uns gestellt, weshalb mich Ihre Frage schon sehr verwundert. Einen Maulkorb hat es nicht gegeben. Jemandem den Mund zu verbieten, liegt uns fern. Abgesehen davon hätten wir für eine solche Anweisung bei Amateursportlern meines Erachtens keinerlei rechtliche Handhabe. Bedenklich, dass so etwas in den Raum gestellt wird…

Herr Diedrichs, sind Sie sich beim Thema „Maulkorb“ absolut sicher, denn genau das haben uns Spieler bestätigt. Lügen die etwa?

Ich habe am Montag sowohl den Mannschaftskapitän als auch ein Mitglied des Mannschaftsrates gefragt, ob eventuell eine Aussage eines Vereinsverantwortlichen fälschlich als Aufforderung, sich nicht gegenüber der Presse zu äußern, verstanden worden ist. Beide haben mir gesagt, dass Sie weder selbst etwas in diese Richtung interpretiert haben, noch dass sich ein Mitspieler mit einer solchen Wahrnehmung an Sie gewendet hat. Damit ist das Thema für mich eindeutig geklärt. Angebliche Aussagen von Leuten, die anonym bleiben, kann, will und werde ich nicht kommentieren.

Es ist auch ein offenes Geheimnis, dass die Chemie zwischen der Mannschaft und Fußball-Chef Heiko Begemann nicht mehr stimmt. Wie gehen Sie damit um?

Es ist nicht richtig, dass die Chemie nicht stimmt! Das werden Ihnen auch die Spieler bestätigen. Heiko Begemann ist ein Mensch, der klar analysiert und bei Bedarf Missstände schonungslos offen anspricht. Den Spiegel vorgehalten zu bekommen, macht nicht immer Spaß, hilft jedoch bei der Selbstreflexion und dabei, leistungshemmende Faktoren abzustellen. Die Mannschaft weiß, dass das zu seinen Aufgaben gehört und kann das gut differenzieren. Sie steht, wie auch der Vorstand, voll hinter Heiko Begemann.

Ihr Klub spielt nur in der Bezirksliga und nicht in der Bundesliga. Verwechseln Sie da nicht irgendetwas im Umgang mit Journalisten, die solche Termine sogar nur freiwillig besetzen?

Da sind wir genau beim Punkt: Wir sind nur Bezirksliga und nicht Bundesliga, und Sie sind nicht die Bild oder der Kicker. Meinen Sie nicht, dass es da absolut unverhältnismäßig ist, Gerüchte in der Berichterstattung aufzugreifen und so Amateursportler in Bedrängnis zu bringen? Oder wie im vorliegenden Fall direkt nach dem Abpfiff auf den Platz zu rennen und Amateursportler, die teils erst 17 oder 18 sind, mit Fragen zu bombardieren? Es handelt sich eben nicht um rhetorisch geschulte Profis, wie in der Bundesliga, die von Beratern unterstützt werden. Und selbst dort wird den Spielern Zeit gegeben, sich erst zu sammeln, bevor sie beim Verlassen des Platzes Rede und Antwort stehen. Da haben wir alle eine Fürsorgepflicht für die Spieler. Schlimm genug, dass Ihnen das offenbar nicht bewusst ist und ein Vorstand sich erst schützend vor die Spieler stellen muss.

Unser Sportredakteur wollte nach Spielschluss nicht mit den beiden einzigen Pyrmonter-18-Jährigen auf dem Platz, Ole Nehrig und Kevin Schumacher, sprechen, sondern nur mit den beiden Trainern Stephan Meyer und Philipp Gasde. Obliegen gestandene Männer auch Ihrer Fürsorgepflicht?

Abgesehen davon, dass wir kaum erkennen konnten, wen er sprechen wollte, gilt eine solche Regel selbstverständlich generell. Wo wollen Sie denn eine Grenze ziehen? Eine Diskussion in dieser Richtung ist vollkommen müßig.

Sie, Trainer Philipp Gasde und eben auch Begemann haben ihr Saisonziel ganz klar als Platz eins definiert. Im Moment sieht es aber nicht danach aus. Droht der Spielvereinigung nach dem überflüssigen Abstieg aus der Landesliga nun möglicherweise ein zweites verschenktes Jahr?

„Ganz klar?“ Fakt ist, dass wir aufsteigen wollen und nur der 1. Platz den sicheren Aufstieg bedeutet. Ganz klar haben wir vor der Saison jedoch gesagt, dass wir davon ausgehen, dass es aus verschiedenen Gründen nicht von Beginn an rund laufen wird und wir auch den einen oder anderen Punkt werden liegen lassen. Und zu jeder Zeit haben wir betont, dass sportlicher Erfolg nicht bis auf den exakten Tabellenplatz planbar ist. Auch wenn der Aufstieg unser Ziel ist, haben wir nie gesagt, wir werden auf jeden Fall Meister. Das hat auch etwas mit Respekt gegenüber den anderen Vereinen und deren Arbeit zu tun. Guter und verantwortungsvoller Journalismus bedeutet für mich, auch diese Nuancen zu kommunizieren. Aber wie gesagt: Wir „spielen“ wohl alle nicht auf Bundesliga-Niveau…

Wer Meister werden will, der darf nicht oft patzen, schon gar nicht in den vielen Kreisderbys. Von bislang vier gewann Bad Pyrmont aber nur die Partie gegen Germania Hagen. Wie erklären Sie sich diese Schwäche?

Auch in den Derbys werden „nur“ 3 Punkte vergeben. Am Ende zählt also, dass wir genug Punkte holen, egal, gegen wen. Wie oben gesagt, hatten wir mit einem holprigen Start gerechnet. Nach fünf Spielen haben wir jetzt fünf Punkte Rückstand und damit noch alles selbst in der Hand. Nach einem Leistungsknick am 3. und 4. Spieltag hat man gegen Hagen und gestern im Pokalspiel gegen Stadthagen eine stark verbesserte Mannschaft mit einer ganz anderen Körpersprache gesehen. Ich sehe uns auf einem guten Weg und gehe davon aus, dass wir bis zum Ende im Rennen um den Aufstieg mitmischen werden. Ob es dann reichen wird, hängt wie oben bereits gesagt nicht nur von uns ab. Interview: Roland Giehr



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