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Maurice Steinhof wird mit dem deutschen Team Fünfter bei der Para-WM in Ostende

Ein Top-Darter mit Handicap

HAMELN. Er ist 28 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und ist trotz Handicaps ein Top-Dater: Maurice Steinhof aus Klein Berkel.

veröffentlicht am 12.03.2019 um 00:00 Uhr

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Autor:

MatThias Abromeit
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Das Traumziel aller Dartspieler ist relativ winzig. Kaum mehr als einen Quadratzentimeter misst das Feld der Triple 20 im schmalen mittleren Ring des Boards. 60 Punkte bringt dort ein Treffer und damit mehr als die 50 (Bulls Eye) genau in der Mitte. Und wer es besonders gut kann, der macht bei drei Würfen auf die Scheibe sogar 180 Punkte draus. Der absolute Tophit im Dartsport. Für Maurice Steinhof aus Klein Berkel aber nichts Besonderes, eher schon fast Normalität. Obwohl er im Rollstuhl sitzt. Ein Handicap, dass seiner Treffsicherheit aber keinen Abbruch tut. Und das bewies der seit der Geburt spastisch Gelähmte zuletzt auch bei der Para-Darts-WM im belgischen Ostende.

Mit der deutschen Nationalmannschaft warf er sich dort an der Nordseeküste auf Platz fünf und erhielt für seinen starken Auftritt auch noch eine ganz besondere Auszeichnung. Steinhof schaffte im Duell gegen Russland, was nicht jedem Pfeilartisten gelingt: Einen im Fachjargon sogenannten Zwölf-Darter (501 Punkte mit zwölf Würfen). Der 28-Jährige bekam dafür als meistbeeinträchtigter Spieler des Turniers auch einen silbernen Pokal überreicht. Der hat nun einen besonderen Ehrenplatz auf dem Trophäenregal in seiner Wohnung, die er mit seiner Verlobten Sabrina teilt.

Kindheit und Hauptschule in Aerzen, Berufsschule in Hameln – das waren die frühen Jahre. „Ich bin auch nur einmal sitzengeblieben. Aber nur weil ich damals meine erste Freundin hatte. Da war das Lernen nicht ganz so wichtig“, erinnert sich Maurice Steinhof mit einem schelmischen Grinsen. Auch die Führerscheinprüfungen meisterte er theoretisch wie auch praktisch im dritten Anlauf. Fortan bestimmte die Zahl drei auch irgendwie sein Leben. Und dass auch beim Dart aller guten Dinge drei sind, lernte er beim ersten Kontakt mit dieser Sportart und den drei Pfeilen bei den Turnieren der Behindertenwerkstätten Afferde. Weil er aber schon da zu gut für die anderen war, kam der Kontakt zum DC Hameln 79 und zu Abteilungsleiterin Simona Becker zustande. Die klärte dann aber gleich zu Beginn die Fronten ab. „Weil er sich nicht an Regeln gehalten hatte, gab es erst einmal eine Spielpause“, erinnert sich Becker. Denn beim Dart gibt es keine Extrawürste. Egal, ob Mann, Frau, behindert oder nicht – die Regeln gelten für alle. Doch beide sprachen sich aus und bestritten ihren sportlichen Weg fortan gemeinsam.

Mittlerweile sind sie beim DC Eimbeckhausen beheimatet, auch wenn der dortige Übungsraum im ersten Stock liegt. Schwierig für einen Rollstuhlfahrer. „Einige Schritte und Stufen kann Maurice gehen. Aber danach ist er erst einmal kaputt und muss deshalb auch zwei Stunden vor dem Training kommen“, sagt Becker. Ein-, zweimal die Woche nimmt der WM-Teilnehmer die Strapazen aber auf sich und fährt mit dem Auto nach Eimbeckhausen.

Da beim Spitzen-Dart aber tägliches Training notwendig ist, ist es auch keine Frage, dass auch in seiner Wohnung eine Scheibe hängt. Exakt in 1,73 m Höhe und im Abstand von 1,37 m. Von der Premieren-WM erfuhr Steinhof im Internet, und nach der Annahme der Anmeldung war er Feuer und Flamme – auch wenn die Anreise mit Betreuerin Becker nach Ostende mit Hindernissen verbunden war. „Bei der Zwischenstation in Köln wollten wir uns unbedingt den Kölner Dom anschauen. Nur leider hat das länger gedauert und wir haben den Anschlusszug nach Ostende verpasst“, erinnert sich Becker. Angekommen sind sie trotzdem, wenn auch später. Die tollen Erlebnisse in Belgien bleiben aber. „Unglaublich, was für eine herzliche Atmosphäre dort herrschte. Völlig unkompliziert und spontan“, sagt Becker. Nur eine Erfahrung würde Steinhof gerne streichen. Vor dem Einzelwettbewerb hatte er beim Luftschnappen vor der Halle die Zeit vertrödelt und kam erst kurz vor dem Wettkampf an die Scheibe. Da war die Konzentration dahin und mit ihr die Aussicht auf noch einen Erfolg. „Ich habe mich so was von geärgert“, gestand er. Doch weil bei ihm eben manches erst im dritten Anlauf gelingt, gibt er nicht auf. „Natürlich will ich auch zur nächsten WM, selbst wenn die in Australien wäre.“ Aber die Medaillen spart er sich noch für den dritten Anlauf in wohl vier Jahren auf. Denn bis dahin gibt es noch einiges zu tun. „Wir wollen in Niedersachsen und im Bezirk Hannover mehr Para-Darts-Turniere ins Leben rufen“, sagt Becker. Maurice Steinhof steht auch noch ein anderer dritter Versuch bevor. Trotz bestem Abschluss findet der Bürokaufmann keine Stelle auf dem freien Markt. Aber beim Finanzamt Hameln hat er sich auch erst zweimal beworben...



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